Folge 1: Bühne frei - ADHS und Autismus

Shownotes

In der ersten Folge von "In Behandlung" sprechen unsere Hosts Noelle O'Brien-Coker (Journalistin) und Dr. Merve Fritsch (Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie & Oberärztin an der Charité) über den hohen Stellenwert psychologischer Themen und nehmen insbesondere ADHS und Autismus in den Blick – zwei Diagnosen, die so sichtbar sind wie nie zuvor. Dabei gehen sie aber auch auf andere Diagnosen ein wie Schizophrenie oder Depression und fragen sich, ob manche psychischen Erkrankungen stärker von einer Enttabuisierung profitieren als andere.

Gemeinsam mit mit Expert*innen und Betroffenen gehen Merve und Noelle vielen weiteren Fragen nach, etwa welche Chancen Social Media für Aufklärung und Sichtbarkeit von Mental-Health-Themen bietet und warum Symptom-Checklisten trotzdem keine sorgfältige Diagnostik ersetzen. Sie erklären unter anderem, warum Autismus und ADHS in den vergangenen Jahrzehnten deutlich häufiger diagnostiziert wurden und sprechen über die Kehrseite wachsender Bekanntheit: wenn Diagnosen nicht ernst genommen oder vorschnell auf alltägliche Erfahrungen übertragen werden.

Kapitel

00:00:00 Einführung & Vorstellung

00:03:43 Die Inflation psychiatrischer Begriffe

00:09:24 Social Media zwischen Fehlinformation & Aufklärung

00:19:04 Die Hierarchie der Stigmatisierung

00:25:12 Im Fokus: Autismus im Erwachsenenalter

00:35:43 Im Fokus: ADHS im Erwachsenenalter

00:47:56 Schattenseite des Hypes & reale Risiken

00:53:36 Fazit & Ausblick

Unsere Gäste in dieser Folge

Dr. Christina Jochim, Psychologische Psychotherapeutin und Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung (DPtV).

Prof. Dr. Inge Kamp-Becker, Autismus-Expertin, Psychologin und Professorin am Universitätsklinikum Heidelberg.

Prof. Dr. Alexandra Philipsen, ADHS-Expertin, Professorin für Psychiatrie sowie Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bonn.

Dr. Christine Preißmann, Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie mit Spezialisierung auf Diagnostik, Therapie und Beratung autistischer Menschen; hat selbst eine Autismus-Diagnose und engagiert sich bei autismus Deutschland e.V. 

Gian-Luca Delbach, Journalist und ADHS-Betroffener aus Köln.

Larissa Krijt, Erzieherin und ADHS-Betroffene aus Berlin.

Hinweis & Hilfsangebote

In dieser Folge wird an einer Stelle auch über Suizid gesprochen. Wenn dich oder eine Person in deinem Umfeld dieses Thema betrifft, kannst du dich jeder Zeit an die Telefonseelsorge wenden, entweder online oder telefonisch unter den kostenfreien Hotlines 0800-1110111 oder 0800-1110222 oder 116 123.

Sollte akute Gefahr der Selbst- oder Fremdgefährdung bestehen, wende dich bitte umgehend an einen psychiatrischen Notdienst oder den Rettungsdienst unter der 112.

Weitere Infos und Unterstützungsangebote findest du bei der Deutschen Depressionshilfe. 

Einige unserer Quellen

Studie von Yeung et al. (2022) zur Darstellung von ADHS auf TokTok.

Untersuchung von Schomerus et al. (2023) Zur Einstellung der deutschen Bevölkerung zu psychischen Störungen.

Küpper et. al. (2025) zu Autismus-Diagnosen bei Erwachsenen.

ZEIT-Interview mit Stephen Faraone (2025).

Laura Wiesböck: "Digitale Diagnosen. Psychische Gesundheit als Social-Media-Trend" (2025).

Studie der Universität Duisburg-Essen u.a. (2026) zur Darstellung von Mental Health Informationen in deutschsprachigen TikTok-Videos.

Credits

"In Behandlung. Mentale Gesundheit, ADHS und Autismus zwischen Sensibilisierung und Hype" ist eine Podcast-Serie von Noelle O'Brien-Coker und Merve Fritsch. Gefördert von der Stiftung Charité mit einem science x media Tandem.

Redaktion: Noelle O'Brien-Coker, Amelie Berboth und Susanne Wündisch

Producer: Denis Steinwachs

Sounddesign: Yelika

Eine Produktion von der apparat multimedia gmbh Berlin

Transkript anzeigen

00:00:00: Ein Hinweis vorab?

00:00:01: In dieser Folge geht es an einer Stelle um Suizid.

00:00:04: Falls euch das Thema betrifft und ihr Unterstützung braucht, findet ihr wichtige Kontakte in unseren Shownotes.

00:00:16: Mental

00:00:16: Health

00:00:17: ist eines der ganz großen Themen unserer

00:00:19: Zeit.

00:00:20: Noch vor fünfundzwanzig Jahren waren Menschen, die eine Therapie machen und auch offen darüber sprechen, dass sie eine machen – eher die Ausnahme!

00:00:27: Heute gehört die eigene Diagnose gerne in den Steckbrief in der Insta-Bio – zumindest wenn sie ADHS oder Autismus lautet.

00:00:34: Genervte bis kritische Stimmen sprechen von Modediagnosen.

00:00:38: Kann es wirklich sein, dass so viele Menschen von ADHS und Autismus betroffen sind?

00:00:43: Oder ist das alles ein Trend hinter dem in Wirklichkeit nichts Ernstes steckt?

00:00:47: Diesen Fragen gehen wir nach... In Behandlung ist eine Podcast-Serie, in der wir mit Expertinnen und Betroffenen über ADHS- und Autismus sprechen ...und über Graubereiche der Mental Health Gesellschaft zwischen Enthabuisierung & Hype zwischen Diagnosen und Identitäten, zwischen krank und gesund.

00:01:07: Wir – das bin ich, Noelle...

00:01:08: ...und ich, Merve!

00:01:09: Und ihr hört Folge eins Bühne frei.

00:01:12: ADHS & Autismus.

00:01:14: Hier geht es darum was ADHS und Autismus sind und wie beide Diagnose so groß werden konnten von Social Media Phänomen bis in die überfüllte Spezialambulanz In Behandlung.

00:01:26: mentale Gesundheit

00:01:27: ADHS&Autismus

00:01:29: zwischen Sensibilisierung und Hype.

00:01:35: Wir sind

00:01:36: Merwefritsch

00:01:37: und Noelle O'Brien-Coker.

00:01:38: Und haben schon immer gerne über psychische Gesundheit uns ausgetauscht, das ist natürlich kein Zufall.

00:01:44: mehr bestellt ich doch mal kurz vor!

00:01:45: Ich bin Merve Fritt, ich bin Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie.

00:01:50: Und ich arbeite als OberärztIn an der Charité in Berlin.

00:01:53: In meinem Arbeitsalltag habe ich einen Schwerpunkt vor allem in der Behandlung von Menschen mit Depressionen und auch älteren Patientinnen mit psychischen Erkrankungen.

00:02:01: Und die Forscher außerdem auch noch einerseits zu psychischenerkrankungen selbst aber andererseits auch im Bereich der nennt sich cognitive neuroscience.

00:02:09: dabei geht es eigentlich eher so um die Frage wie funktioniert unser Gehirn?

00:02:14: Wir werden bestimmte Gedanken, Gefühle oder auch Verhaltensweisen überhaupt produziert.

00:02:18: Spannend!

00:02:20: Ist jetzt aber alles ein bisschen abstrakt?

00:02:21: Wie können wir uns deinen Arbeitsalltag vorstellen?

00:02:24: Also als Oberärztin betreue ich in der Klinik mit einem Stationsteam eine psychiatrische Station.

00:02:30: das bedeutet dass sich mit PatientInnen spreche Diagnostik und Behandlung begleite Und auch zusammen mit dem Team dann Entscheidungen darüber treffe wie die weitere Behandlungen so aussehen kann.

00:02:40: Außerdem leite ich auch noch eine Ambulanz, wo ich Patientinnen begleite die eine schwer zu behandelnde Depression haben und ich begleitete dort Patienten auch über längere Zeiträume.

00:02:49: Genau dann habe ich schon gesagt daneben forsche Ich auch noch.

00:02:52: das findet meist ziemlich unspektakulär im Büro statt am Computer Und daneben unterrichte ich auch nach Studierende und ich beschäftige mich ehrlich gesagt auch mit total viel organisatorischen Aufgaben.

00:03:02: Ja das glaube ich als Oberärztin O'Brien Coker, ich bin Audior-Journalistin und Redakteurin aus Köln.

00:03:10: Ich habe unterschiedliche Schwerpunkte beschäftige mich besonders oft mit Musik und sozialer Gerechtigkeit, manchmal auch mit Tagespolitik.

00:03:18: Mit Psychologie hatte ich so beruflich bisher eher selten zu tun.

00:03:22: Dafür hab ich aber im privaten Bereich mir relativ viel Wissen angeeignet und austauscht.

00:03:28: Und ich freue mich dass wir das Thema gemeinsam hier jetzt auch so richtig offiziell beruflichen angehen können.

00:03:34: Mehr wie.

00:03:34: ich weiß noch, wie die Idee entstanden ist, dass wir zusammen dieses Projekt umsetzen und wir beide einfach so gleichzeitig unabhängig voneinander dieselbe Idee hatten.

00:03:43: Der Ausgangspunkt war ja die Beobachtung, dass bestimmte Begriffe aus der Welt der Psychologie- und Psychiatrie im Alltag total allgegenwärtig sind – teilweise auch Fachbegriffe!

00:03:52: Du hast mir mal ein Reel geschickt von den beiden österreichischen Contentcreatern Grindick und Alisa Florentina.

00:03:58: Die haben das richtig schön auf den Punkt gebracht.

00:04:00: Ich hatte einfach nicht mehr die Kraft für die Emotional-Labor auf deine Nachricht gestern auch noch zu antworten.

00:04:04: Ja, ich verstehe das natürlich voll!

00:04:05: Ich meine du musst dich für radikale Self-Cancion entscheiden.

00:04:07: Ganz egal ob das Diabendment ist, wie es dann das Umfeldstricket... ...das ist ganz typisch für den Abort in Attachment-Type oder Narzissen?

00:04:14: Jaa... Toxische Narzisten?

00:04:16: Ja und gerade dir als Fachärztin, die auch gerne auf Social Media unterwegs ist, ist das natürlich besonders ins Auge gesprungen so dieses inflationäre Benutzen von so psychiatrischen Begriffen.

00:04:27: was ist dir da besonders aufgefallen in letzter Zeit?

00:04:29: Ja, ich würde auch sagen das ist gar nicht nur auf Social Media der Fall sondern auch so im Alltag einfach wenn man sich unterhält mit Leuten.

00:04:36: Also ein Begriff der zum Beispiel auch oft benutzt wird ist der Begriff Schizophrenen.

00:04:40: Der wird umgangssprachlich dann meistens so verwendet um Widersprüchlichkeiten bei einer Person zu beschreiben und der Begriff der heißt auch übersetzt eigentlich gespaltene Seele.

00:04:49: Der Begriff ist auch über hundert Jahre alt muss man sagen.

00:04:51: wir benutzen den heute noch und er meint aber wenn man ihn jetzt als Diagnose verwendet eigentlich gar nicht gespaltene Persönlichkeit sondern es sind Menschen die sind schwer krank, die fühlen sich in der Regel verfolgt.

00:05:02: Die hören Stimmen, die sind kognitiv oft sehr eingeschränkt und es hat gar nichts damit zu tun dass man eine widersprüchliche Seele zum Beispiel hat.

00:05:09: oder wir hatten gerade schon den Begriff nazistisch.

00:05:10: das ist ja finde ich im Alltag oft eher ein Schimpfwort vielleicht für Menschen die sich egoistisch verhalten Oder auch so ein Klassiker wirklich in Social Media, wenn es dann um die Analyse von einer toxischen Beziehung zum Beispiel geht oder Ex-PartnerInnen.

00:05:24: Da sieht man dann z.B.

00:05:24: sowas wie sieben Zeichen dass mein Partner einen Narzisst ist und auch da ist die Verwendung eigentlich nicht ganz richtig weil eine narzistische Persönlichkeitsstörung das ist ne total komplexe Diagnose Und die kommt auch insgesamt extrem selten vor.

00:05:38: also nicht viele Menschen erfüllen zum Beispiel die Kriterien.

00:05:42: Ich könnte jetzt noch ewig weitermachen,

00:05:44: der Begriff

00:05:45: Triggern.

00:05:45: Das triggert mich das wird heute für alles Mögliche verwendet meistens eher wenn einen was stresst oder aufhüllt.

00:05:53: dabei beschreibt auch das Wort trigger ursprünglich ein bisschen was anderes nämlich einen spezifischen Reiz der dann spezifik Symptome von einer ptbs also eine apostromatschen Belastungsstörung auslöst.

00:06:05: die Menschen haben dann flashbacks als reaktion auf einen trigger.

00:06:09: auch da muss man sagen ist das wort eigentlich so um Alltagsgebrauch meistens nicht richtig eingesetzt.

00:06:15: und eben auch bei Autistisch, wo wir uns ja jetzt mehr mit beschäftigen wollen.

00:06:20: Da ist mir aufgefallen, dass Menschen das häufig sagen über andere.

00:06:23: Wenn sie meinen, dass jemand sich z.B.

00:06:25: sozial komisch verhält oder unempatisch ist dann wird auch häufig gesagt Mensch die ist ja vielleicht auf einem Spektrum aber die Erkrankung und ein bisschen zurückgezogen.

00:06:35: Aber die Diagnose Autismus-Spektrum Störungen meint natürlich eigentlich viel mehr als das.

00:06:40: Ja okay jetzt kann man sich natürlich schon auch fragen Ist das wirklich ein Problem?

00:06:45: Also Begriffe haben ja oft Mehr als eine Bedeutung, je nach Kontext.

00:06:49: Das ist ja in der Alltagssprache auch so, das sind Sprachen so an sich und es ist auch eine der Fragen über die wir uns zusammen mit Christina Jochim unterhalten haben.

00:06:57: sie ist Psychologische Psychotherapeutin und Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung DPTV.

00:07:05: Das ist laut eigenen Angaben die größte Interessenvertretung für psychologische Psychotherapeutinnen, Kinder und jugendlichen PsychotherapeutInnen sowie PsychotherrapeutInnen in Aus- und Weiterbildung.

00:07:17: Und Christina Jochim hat uns das Problem mit dieser Begriffsausdehnung so beschrieben.

00:07:22: Wir

00:07:22: haben halt in der Somatomedizin ganz stark das lateinische und absolute Fachsprache.

00:07:29: Also dass es die Medizin sich mit dem Körper beschäftigt?

00:07:32: In der Psychologie-Psychotherapie haben wir viele Begrifflichkeiten, die wir aus dem Alltag ein Stück weit kennen.

00:07:39: Und in einer Psychologie bedeuten sie dies im Privatalltag ein bisschen was anderes und in der Psychotherapie ebenfalls.

00:07:46: Und selbst ist es so ein Stückweit das auch Fachbegriffe mittlerweile Einzug erhalten haben in die Alltagsprache.

00:07:52: Das führt zum Missverständnissen.

00:07:55: Verharmlosungen letztendlich von Begrifflichkeiten, von Leid.

00:08:00: Wenn ein plötzlich irgendwie alles triggert ... Moment, stopp den Trigger!

00:08:03: Ist wirklich noch mal etwas anderes?

00:08:06: Ein belastendes Ereignis ist noch kein Trauma.

00:08:09: also das führt halt eben auch zu einer Verharrmlosung, zu einem Nicht-Festständnis und dadurch letztendlig zu einer Stigmatisierung aber auf anderer Ebene, nämlich eigentlich dann auch zu einer Baggertalisierung.

00:08:22: Aber grundsätzlich sehen Sie es schon als ein Gewinn momentan, dass wir mehr Wissen in der allgemeinen Bevölkerung haben?

00:08:30: Mehr Wissen über psychische Erkrankungen, eben auch bestimmte Spektrumstörungen?

00:08:34: definitiv ja weil so bleibt Leid das schon immer da war nicht ungesehen.

00:08:40: Und letztendlich ist

00:08:42: das ja auch

00:08:43: eine gesamtgesellschaftliche Entscheidung, woran wir Gelder der Solidargemeinschaft, wenn wir an die Behandlung von Erkrankungen, an den psychischen Erkranken denken.

00:08:54: Wo wir reininvestieren und wo nicht?

00:08:57: Dafür ist Wissen- und Aufklärung nötig natürlich.

00:09:00: Wir haben große Fortschritte gemacht, was Entstigmatisierung, Enttabuisierung von Mental Health Themen angeht.

00:09:07: Da im Bereich Psychotherapie sind wir absolut noch mit wahnsinnig vielen Mythen und Fake News konfrontiert.

00:09:14: Und deshalb ist das wichtig, hier eine gute Informationsbasis zu

00:09:18: haben.".

00:09:18: Ja, das scheint mir echt ein Knackpunkt zu sein – Qualität versus Quantität!

00:09:24: Viele Informationen erreichen jetzt viele Menschen aber die sind nicht immer gut oder richtig?

00:09:29: Inge Kampbecker hat das mit ihrem Team sogar mal untersucht.

00:09:33: Sie ist Psychologin und Professorin am Uniklinikum Heidelberg, sie forscht so Autismus, hat aber auch mehr als zwanzig Jahre eine Spezialambulanz für Autismus geleitet, hat unter anderem in einer Studie Infos aus dem Netz über Autismus untersucht.

00:09:48: dafür hat sie die Begriffe Autismus-und Asperger-Syndrom bei Google eingegeben und sich die ersten fünfzig vorgeschlagenen Links genauer angeschaut und analysiert.

00:09:57: Und diese ersten fünfzig Seiten, die dann da aufploppen.

00:10:01: Die haben wir dann analysiert nach einer Methode, die bereits für Englischsprachige Seiten schon mal publiziert wurde und haben dann geguckt, stellen sie das richtig dar?

00:10:13: Aber auch nicht nur ob die falsche Informationen darstellen sondern ob die Informationen auch vollständig sind also ob zum Beispiel darauf hingewiesen wird dass Symptome wie Probleme mit Smalltalk auch bei vielen anderen Störungen vorliegen können oder ein auffälliger Blickkontakt.

00:10:31: Ob es irgendwo einen Hinweis gibt, dass diese Auffälligkeit

00:10:35: auch im Rahmen

00:10:36: anderer Störung vorliegt kann?

00:10:37: Also so eine Art differenzialdiagnostischer Hinweis und das war der Hauptminuspunkt in diesen Seiten hatten, dass darauf nur selten hingewiesen wurde sondern da werden dann einzelne Symptome dargestellt.

00:10:52: die werden gar nicht mal falsch dargestellt,

00:10:56: aber

00:10:56: sehr einseitig und es gibt keinen Hinweis.

00:11:01: Achtung!

00:11:02: Das könnte auch auf andere Störungen

00:11:04: hinweisen.".

00:11:05: Um da vielleicht nochmal kurz Kontext zu geben was das eigentlich bedeutet... Also der Begriff Differenzialdiagnostik, das heißt dass wir als Klinikerin zum Beispiel überlegen welche Diagnosen könnten jetzt diese Symptome oder dieses Verhalten erklären und welche Hinweise gibt es eigentlich für diese verschiedenen möglichen Diagnose.

00:11:22: Wenn wir zum Beispiel nochmal jetzt bei dem Thema Smalltalk bleiben Schwierigkeit mit Smalltalk, das kann bei Autismus vorkommen.

00:11:29: Aber es kann auch bei anderen Diagnosen ein Symptom sein.

00:11:33: Zum Beispiel bei der sozialen Phobie ist eine Angststörung, bei einer Depression oder bei einer Persönlichkeitsstörung oder ehrlich gesagt auch bei einer Schwerhörigkeit kann man Schwierigkeiten mit SmallTalk haben.

00:11:44: Dann würden aber jeweils noch andere Symptome dazu kommen also bei einer Depression zum Beispiel auch Freudlosigkeit oder Antriebsstörungen etc... Und wenn man eine Schwerhörigkeit hat, dann hätte man wahrscheinlich auch noch zusätzlich einen auffälligen Hörtest.

00:11:58: Oder unabhängig von einer Diagnose kann es sein dass jemand einfach zurückhaltend ist und Gespräche mit Fremden anstrengend findet – auch ohne eine psychische Diagnosis.

00:12:07: Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen überspitzt aber ich will eigentlich nochmal zum Ausdruck bringen.

00:12:11: Ein Symptom oder Problem oder Verhalten das kann ganz unterschiedliche Ursachen haben Und die Aufgabe der Diagnostik oder Differenzialdiagnostika besteht darin, dass wir die Merkmale sammeln und prüfen.

00:12:23: welche Erklärung passt jetzt insgesamt am besten zu dem Befund den wir sehen.

00:12:27: Deswegen sind diese ganzen Listen auch so problematisch.

00:12:30: fünf Anzeichen an denen du erkennst das so die und die Diagnose hast, da fehlt einfach ganz viel Kontext

00:12:35: damit.

00:12:35: Da fehlt ganz viel kontext auf jeden Fall!

00:12:37: Inzwischen gibt es ja in den sozialen Medien richtig viele Medical Influencer, die Aufklärung betreiben über Mental Health-Themen.

00:12:45: Meistens sind das Menschen, die selbst eine Diagnose haben, über die sie sprechen.

00:12:50: Es sind also nicht unbedingt Expertinnen mit einem systematischen Blick dafür aber natürlich Expertin für ihre eigenen Erfahrungen und meistens sind auch keine JournalistenInnen mit gewissen Standards in der Vermittlung und da wunderts auch nicht dass viele Dinge, die dort verbreitet werden, nicht immer richtig sind.

00:13:07: Auf

00:13:07: TikTok

00:13:08: gibt es mittlerweile über tausend Darstellungen, wo Menschen sich

00:13:12: darstellen.

00:13:13: Und

00:13:14: da gibt's eine Analyse aus dem Jahr ... Ich

00:13:26: würde interessieren, haben Sie sich selber mal Videos angeschaut?

00:13:29: Von solchen Medical-Influenzern heißen die ja manchmal, wie die das so darstellen?

00:13:34: Also haben sie dann mal welche gesehen und wie fanden sie das?

00:13:37: Ich habe das aufgegeben, am Anfang habe ich das noch gemacht.

00:13:40: Aber irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten!

00:13:44: Weil man muss einfach sagen, Autismus ist ja selber erst mal eine Störung die sehr grundlegende Beeinträchtigung macht.

00:13:54: Und wir sehen die einzelnen Symptome

00:13:56: von Autismus

00:13:57: sind aber nicht spezifisch für diese Störungen sondern Dinge wie Blickkontakt oder Auffälligkeiten in der Kommunikation gibt es ja bei extrem vielen Störung Ja, soziale Interaktionsprobleme.

00:14:11: Und wenn Sie sich diese Aspekte angucken in diesen Video-Darstellungen dann sehe ich da

00:14:16: oft nicht

00:14:17: bei allen aber oft

00:14:19: nix!

00:14:19: Ich muss sagen dass ich diese Momente auch schon hatte das ich ein Reel angeschaut habe und dachte ach so und du bist jetzt autistisch.

00:14:26: Und in Wirklichkeit habe ich als Laie natürlich nicht die Kompetenz, das über ein Video zu beurteilen.

00:14:31: Aber wenn eine langjährige Expertin wie Ingekarm Becker das so sagt, bin ich erst mal geneigt im Urteil auch zu folgen.

00:14:38: Natürlich kann der Inhalt von einem Kanal gut und korrekt sein, auch wenn die Person selbst vielleicht keinen Autismus hat.

00:14:44: Aber das große Problem sind halt die relativ großen Mengen an falschen und missverständlichen Infos Genau wie das Social Media-Hype um angebliche neue, divergente Schlafposition und T-Rexarme.

00:14:55: Was?

00:14:55: Das kenne ich noch gar nicht!

00:14:58: Hier, hör mal rein... Also da wurde in etlichen Reals behauptet, eine bestimmte Schlafposition auf der Seite liegend mit dem oberen Bein angewinkelt und die Arme eingerollt mit so eingeknickten Handgelenken den sogenannten T-Rexarm.

00:15:30: Die käme bei erst Autismus dann ADHS und überhaupt allen Neurotivergenzen vor.

00:15:36: Und tatsächlich gibt es überhaupt keine wissenschaftliche Belege dafür dass bestimmte schlafpositionen mit bestimmten Diagnosen zusammenhängen.

00:15:43: Ich hatte auch eher den Eindruck, dass das so doch eine sehr allgemeine Position ist.

00:15:47: In der ich mich selber ehrlich gesagt seit ich das Real gesehen habe ungefähr in jeder Nacht mehrmals wiedergefunden haben vor allem mit diesen T-Rexarmen und ich ordne nämlich keiner der Diagnosen zu.

00:15:57: Jetzt gibt es ja neben dieser Studie von Inge Kambäcker, die du gerade erklärt hast noch

00:16:01: eine,

00:16:01: die in diesem Zusammenhang oft zitiert wird.

00:16:03: Die ist von dem Jahr-Zwischen-Kanadischen Forscheinen und sie haben sich hundert TikTok-Videos zu Autismus und ADHS angeschaut und festgestellt.

00:16:12: Nur einundzwanzig Prozent wurden als passend zu typischen Symptomen von Autismus eingestuft Also dass sie Autismus typisch darstellen, wie man ihn halt auch in der Fachwelt versteht und mehr als die Hälfte wurde eigentlich als Irreführend eingestuft.

00:16:26: Nämlich zweiundfünfzig Prozent Und so ähnlich würde ich ehrlich gesagt vielleicht auch das mit der Schlafposition einordnen.

00:16:32: also das ist einfach nicht spezifisch für ADHS Das ist eher was Allgemeines.

00:16:35: Ja

00:16:36: und für solche Mythen oder Überspitzungen sind soziale Medien natürlich die perfekten Katalysatoren Einerseits, andererseits können sie auch für positive Entwicklung Verstärker sein.

00:16:47: Stichwort Enthabuisierung.

00:16:50: Professorin Alexandra Philipsen kann Medical Influencer in zumindest im Bereich ADHS viel Positives abgewinnen.

00:16:57: Sie ist ADHS-Expertin, Professorin für Psychiatrie und Direktorin der Klinik für Psychiatrie um Psychotherapie am Uniklinikum Bonn.

00:17:06: Ich hab mir extra ein Insta-Account ja dann mal angelegt, weil sie sonst nicht so guckt.

00:17:10: Und ich fand vieles, muss ich sagen wirklich wertvoll auch.

00:17:15: Das ist natürlich immer auch witzig und natürlich ist es so, dass ich dann vielleicht auch mal leichter denke, ich habe das auch!

00:17:23: Klar, das sind ja immer nur so kurze Sequenzen.

00:17:27: Ich möchte es eigentlich keine Namen nennen von Influencern, aber ich habe mir schon ein paar angeguckt, die sehr viele Verlohren haben und fand vieles wirklich auch gut.

00:17:36: Und ja, auch erreichen viele dadurch... Da ist ja Social Media wieder ganz gut!

00:17:42: Also wie komme ich an Informationen?

00:17:44: Das ist sozusagen die positive Seite sich informieren zu können.

00:17:48: Sehr demokratisch.

00:17:50: Also je nachdem der Algorithmus ist vielleicht dann wieder weniger demokratisch, das sage ich jetzt auch dazu.

00:17:55: Aber erstmal hat ja jeder oder jede Zugriff auf das was im Internet ist ne?

00:18:00: Ja aber es gibt wie immer viel Gutes und es gibt halt auch Quatsch!

00:18:04: Das gilt ja leider für alles was mit Digitalisierung zu tun hat.

00:18:07: Es ist Fluch- und Segen zugleich.

00:18:10: Jetzt muss man aber auch sagen, Social Media und seine Algorithmen belohnen leider nicht unbedingt Korrektheit oder Präzisionen sondern vor allem Emotionalisierung.

00:18:20: Das schließt sich zwar nicht unbedingt aus kommt aber leider auch nicht automatisch im Doppelpack.

00:18:25: Wenn ich als Influencerin, also mit meinen Inhalten Leute erreichen will bin ich davon abhängig was mir der Algorithmus vorschreibt und das nochmal mehr wenn ich mit dieser Form der Selbstvermarktung auch Geld verdiene zum Beispiel durch Werbekooperationen.

00:18:39: Durch die Plattform selbst oder durch eigene Produktlinien die ich dann vermarkten möchte.

00:18:44: gleichzeitig und da zählt halt vor allem Reichweite

00:18:47: Und gleichzeitig sind Medical-Influencer eventuell auch wichtig.

00:18:50: Also die tragen ja auch dazu bei dass über psychiatrische Diagnosen mehr gesprochen wird und sie dadurch auch mehr und mehr enttabuisiert werden.

00:18:58: Und das finde ich insgesamt total positiv, denn Menschen sollen ja Hilfe aussuchen wenn sie sie brauchen.

00:19:04: was mich da manchmal schon nachdenklich macht ist dass ich den Eindruck habe dass diese Enstigmatisierung aber nicht für alle Diagnosen gleichermaßen zu gelten scheint.

00:19:13: also wenn man sich anschaut welche psychischen Erkrankungen tatsächlich am häufigsten sind dann stehen meistens Depressionen, Angststörungen und auch Suchterkrankungen ganz weit oben.

00:19:23: Und trotzdem wird jetzt online oft deutlich mehr über ADHS oder Autismus gesprochen als zum Beispiel über die Alkoholabhängigkeit.

00:19:31: Das heißt natürlich nicht dass ADHS- oder Autismus selten werden.

00:19:34: aber die Aufmerksamkeit, die bestimmte Diagnosen in sozialen Medien jetzt bekommen, die spiegelt nicht unbedingt wieder wie häufig sie in der Bevölkerung vorkommen.

00:19:42: welche Diagnose da so sichtbar werden hängt bestimmt auch davon ab wie gut die Menschen ihre eigenen Erfahrungen in diesen kurzen Videos und Posts beschreiben können.

00:19:51: Und ob sich daraus so was wie eine Gemeinschaft, so eine geteilte Erfahrung oder sogar Identität bildet?

00:19:56: Das geht bei anderen Diagnosen vielleicht nicht ganz so gut,

00:19:59: oder?!

00:20:00: Ja, absolut.

00:20:01: Ich denke auch, dass das ein Unterschied ist.

00:20:02: also bei Erkrankungen wie Schizophrenie oder auch Suchtererkrankungen fällt es den Menschen vielleicht schwerer?

00:20:09: Es gibt wenige Medical Influencer die über ihre Schizophreniererkrankung berichten bei YouTube aber das ist in jedem Fall seltener würde ich sagen und viele Betroffene dieser Erkrankungen erleben einfach sehr schwere Krankheitsphasen.

00:20:22: einige Menschen verlieren vielleicht aufgrund der Erkrankung alle sozialen Kontakte ihre Arbeit ihre Wohnung.

00:20:28: Manche Menschen werden wirklich aufgrund ihrer psychischen Erkrankung abdachlos und einerseits sind sie dann bestimmt nicht gut in der Lage, auf Social Media über ihre Erfahrungen zu berichten.

00:20:37: Und andererseits sind das oft Erkankungen wo Weiterhenscharme und Vorteile und Ängste vor gesellschaftlichem Ausschluss rund um diese Diagnose einfach total ausgeprägt ist.

00:20:47: Also es scheint wirklich da einen relativ einseitigen Fokus auf Mental Health in der Öffentlichkeit zu geben Und es gibt auch sogar Forschung, die zeigt, dass nicht alle psychiatrischen Diagnosen gleichermaßen von dieser Aufmerksamkeit profitieren.

00:21:01: Oder anders gesagt bei manchen Krankheitsbildern konnte in den letzten Jahren das Stigma zwar abgebaut werden und bei anderen hat sich aber verstärkt oder verschlimmert.

00:21:11: Das zeigt die Forschung um dem Psychiaterprofessor Georg Schumerus.

00:21:15: Er ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik in Leipzig Und er leitet eine Studie, die seit dreißig Jahren schon Vorbehalte und Stigmata gegenüber Depressionen einerseits uns Schizophrenien andererseits untersucht.

00:21:30: Die jüngsten Ergebnisse haben gezeigt bei Depression gibt es immer mehr Verständnis und Befragte haben auch häufiger angegeben dass sie sich mit den Symptomen mehr oder weniger gut identifizieren können in ihrem eigenen Leben Auch wenn Sie selbst nicht betroffen sind von der Depression.

00:21:45: Und bei Schizophrenie ist diese soziale Distanz, wie das genannt wird im Gegensatz dazu größer geworden.

00:21:51: Ja!

00:21:52: Das überrascht mich ehrlich gesagt gar nicht so sehr wenn du es jetzt noch mal so richtest.

00:21:56: auch ich denke viele Menschen können nachvollziehen wie sich anfühlt weil man traurig erschöpft oder hoffnungslos isst.

00:22:02: Das heißt die Symptome einer Depression liegen gewissermaßen vielleicht auf einem Container um mit Erfahrungen, die fast alle Menschen irgendwann einmal machen.

00:22:10: Und das bedeutet natürlich nicht dass eine Depression jetzt einfach nur starke Traurigkeit wäre aber es gibt zumindest Anknüpfungspunkte vielleicht auch an die eigene Lebenswelt Und es hat in den letzten Jahren viel Arbeit gegeben, um Depressionen zu entstigmatisieren.

00:22:22: Ja ich erinnere mich in dem Zusammenhang ziemlich genau noch an den Fall Robert Encke.

00:22:27: der war ja Torwart in der Fußball-Nationalmannschaft und hat sich im Jahr das Leben genommen.

00:22:33: Das war sehr groß wurde diskutiert bei den Medien.

00:22:37: Ich erinnre mich dass ich diese Debatte so ein bisschen als einen Wendepunkt wahrgenommen habe.

00:22:40: also das ist eine neue gesellschaftliche Anerkennung dafür gab dass Depressione eine Krankheit ist.

00:22:47: einfach sagen kann, okay ich fühle mich heute mal anders.

00:22:50: Ich esse jetzt eine Grapefruit, ich geh nur in eine Joggen und dann geht's mir besser.

00:22:53: Sondern das kann nicht einfach durch meinen Willen beeinflussen und verändern was es da eine Änderung in der Wahrnehmung gegeben

00:23:00: hat.".

00:23:00: Und das ist sicherlich ein Punkt wo es echte Enthigmatisierung dieser Erkrankungen auch gegeben hat?

00:23:05: Ja.

00:23:06: Und ich würde schon denken dass bei anderen Diagnosen weiterhin noch anders ist.

00:23:10: also zum Beispiel um nochmal auf die Schizophrenie zurückzukommen Das ist eine Erkrankung, wo Symptome wie Halluzinationen und Warenvorstellungen auf schwere Denkstörungen auftreten.

00:23:21: Und das liegt schon für die meisten Menschen weiterhin deutlich außerhalb ihrer eigenen Erfahrungen.

00:23:26: Viele Menschen können sich einfach nicht gut vorstellen... oder nachvollziehen, wie sich das eventuell anfühlt eine Schizophrenie zu haben.

00:23:33: Und es macht dann auch oft eher Angst.

00:23:35: und gleichzeitig gibt es noch einen weiteren Punkt denke ich der wichtig ist Menschen mit Erkrankungen wie Schizophrenien fallen häufiger aus dem sozialen Raster.

00:23:43: Es gibt manchmal weniger Familienangehörige die weiterhin unterstützen Es gibt weniger Menschen diese erkrankten Lobbyarbeit machen.

00:23:53: Und ich glaube, dass das schon auch noch mal ein Grund dafür ist, dass es mehr gesellschaftliche Distanz gegenüber Menschen zum Beispiel mit Schizophrenien gibt trotz aller Fortschritte die wir auch da in der Entstigmatisierung sicherlich gemacht haben.

00:24:04: Ja also auch wenn Mental Health insgesamt gerade immer mehr Zustimmung erfährt und die Menschen insgesamt immer aufgeklärter sind, gibt es auf jeden Fall klare Unterschiede bei der Entstechematisierung von psychischen Störungen.

00:24:16: Er auf der Gewinnerseite stehen wohl Autismus und ADHS, also die Aufmerksamkeitsdefizit Hyperaktivitätsstörung.

00:24:26: Und deren Kombinationen, die im Netz auch AUDHS genannt wird – wobei das ja kein medizinischer Fachbegriff ist?

00:24:32: Nee genau!

00:24:33: Also AUDHS ist kein offizieller Fachbegriff sondern ein Begriff, der sich jetzt eher so online etabliert hat und gemeint es damit aber dass jemand sowohl die Kriterien für ADHS als auch für eine Autismus-Spektrumstörung erfüllt Und diese Kombination kommt tatsächlich relativ häufig vor.

00:24:49: Medizine sprechen wir dann aber eher einfach von einer Komorbidität, von ADHS und Autismus.

00:24:53: Ja den Begriff kenne ich auch aus anderen medizinischen Bereichen.

00:24:57: in beiden Fällen also sowohl Autismus als auch ADHS sind die Zahlen der Diagnosen in den letzten Jahren und Jahrzehnten stark gestiegen.

00:25:05: Lass uns mal erst genauer auf Autismus schauen!

00:25:08: Ich kann ja vielleicht nochmal ganz kurz sagen was man unter Autismus eigentlich versteht?

00:25:12: Gerne!

00:25:12: Der Autismus ist... eine Erkrankung, die man heute zu den sogenannten neuromentalen Entwicklungsstörungen zählt.

00:25:18: Damit meint man, dass es bestimmte Unterschiede in der Entwicklung des Gehirns wahrscheinlich schon sehr früh im Leben gibt und das auch die Art beeinflusst wie Menschen Informationen verarbeiten, ihre Umwelt wahrnehmen und mit anderen Menschen interagieren.

00:25:33: Diagnostisch stehen da zwei Merkmalsbereiche vor allem im Vordergrund einerseits anhaltende Unterschiede in der sozialen Kommunikation und auch der Interaktion, das ist meistens

00:25:43: eingeschränkt,

00:25:44: repetitiv, weniger flexibel.

00:25:47: Und es gibt auch Besonderheiten im Verhalten, in Bezug auf Interessen oder auch auf Aktivitäten.

00:25:53: Diese Merkmale beginnen meistens schon in der frühen Entwicklung und zeigen sich oft in unterschiedlichen Ausprägungen dann aber über die gesamte Lebensspanne hinweg Und in der Regel führen sie auch zu erheblichen Einschränkungen in verschiedenen Bereichen des Lebens, also im persönlichen Familienbereich oder im pädagogischen oder beruflichen Bereich.

00:26:11: Oder noch an anderen Bereichen die im Leben relevant sind.

00:26:14: und jetzt ist es so dass in Bezug auf Autismus- oder Autismus Spektrumstörungen Die Zahl der gestellten Diagnosen in den letzten vierzig Jahren sich verzehnt facht hat und weil ich selber gar keine Expertin bin für die Autismus spektrum Störungen haben wir nochmal eine befragt woran das eigentlich liegt.

00:26:30: Also man ist sich relativ sicher, dass nicht die Anzahl der Fälle zugenommen hat.

00:26:34: Sondern das tatsächlich eher die Sensibilität der Fachleute für das Thema zugenommen hat und das ist ja auch gut so.

00:26:40: also da sind sich Experten eigentlich in unterschiedlichen Ländern einig.

00:26:45: Das ist Christine Preismann Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie.

00:26:50: Sie hat sich in ihrer Praxis in Südhessen auf die Diagnostik Therapie und Beratung für autistische Menschen spezialisiert Und sie engagiert sich bei dem Verband Autismus Deutschland eV und hat auch selbst Autismus.

00:27:04: Ihre Diagnose hat sie ziemlich spät bekommen, da war sie siebenzwanzig Jahre alt.

00:27:09: jetzt ist die Mitte fünfzig.

00:27:11: das ist also knapp zwanzig jahre her und das waren noch eine Zeit in der Autismus wirklich eher ein Randthema war insbesondere bei Erwachsenen

00:27:19: Und dass wir jetzt einfach auch immer wachsenden Alter noch einen gewissen Nachholbedarf haben, weil man natürlich in meiner Kindheit beispielsweise das Thema noch gar nicht auf dem Schirm hatte.

00:27:28: In ganz Europa nicht und deswegen gibt es eben einige Menschen.

00:27:32: Ich habe einige Menschen so in den Vierzigern, auch in den Fünfzigern noch die sich zu einer Diagnose vorstellen.

00:27:37: Ich habe sogar manche, die dann tatsächlich auch schwer betroffen sind.

00:27:41: Ich habe auch manche in so einem Alter noch die Diagnose frühkindlicher Autismus bekommen.

00:27:45: Das ist manchmal ein bisschen skurril aber das ist so und von daher wird es noch einige Jahre gehen, dass wir da einfach nachdiagnostizieren müssen.

00:27:54: Würden Sie sagen, dass die vermehrte Aufmerksamkeit für die Autismus-Spektrumstörung einen Nachteil haben?

00:28:00: Wir hatten jetzt mal gehört von KollegInnen, dass

00:28:03: z.B.,

00:28:04: die Beratungsangebote so stark nachgefragt werden, das vielleicht der Bedarf gar nicht gedeckt werden kann, dass das Nachteil sein könnte.

00:28:12: Was würden Sie sagen?

00:28:13: Es stimmt das?

00:28:13: Gibt es Nachteile auch davon?

00:28:15: Ja, es gibt selbstverständlich Nachteils.

00:28:17: Ich sehe's nicht sehr in der Überlastung des Versorgungssystems.

00:28:20: Das haben wir sowieso.

00:28:24: Man geht von der Häufigkeit ... etwas über einem Prozent aus und damit von neunhunderttausend betroffenen Menschen in Deutschland, von denen so schätzt man mindestens fünf bis sechshundert tausend im Erwachsenenalter sind.

00:28:36: Und gleichzeitig haben wir für erwachsene Menschen Diagnosestellen die wir an eine oder zwei Händen abzählen können.

00:28:43: und dass das nicht funktionieren kann, das kann man sich schon so ausrechnen.

00:28:47: Aber ja, ich sehe durchaus auch Nachteile dadurch.

00:28:51: Dass das Thema so häufig in den Medien ist ... Also Wörter wie Masking oder Reizüberflutung gehören inzwischen zum Sprachschatz von Jugendlichen?

00:29:01: Das muss man so sagen und Ich sehe einen großen Nachteil, dass dadurch das Leid, dass autistische Menschen haben ein bisschen relativiert wird und gar nicht mehr so ganz doll gesehen werden weil einfach jeder das Gefühl hat Mensch wir sind doch alle so ein bisschen autistisch und dass man dadurch unser Leid abwertet.

00:29:20: Das ist für mich der große Nachteil

00:29:22: dabei.".

00:29:23: Das ist ein Punkt, der uns nicht zum ersten und wahrscheinlich auch nicht zum letzten Mal begegnet – das Problem mit der Verharmlosung, die damit einhergeht, dass bestimmte Diagnosen bekannter und auf eine Art populärer werden.

00:29:35: Gerade Autismus wurde in Filmen und Serien immer beliebter geworden.

00:29:39: also die Repräsentation von Menschen auf dem Autismus-Spektrum ist in den letzten dreißig Jahren auf jeden Fall gestiegen.

00:29:46: von der Trage Commedia Rainman, das ist der erste richtig große Blockbuster mit einer autistischen Hauptfigur gewesen.

00:29:54: Über die schwedisch-dänische Krimiserie Die Brücke bei der eine Ermittlerin Asberg Autismus hat bis zur Comedy Serie Atypical über einen Jugendlichen mit Autismus, der mit dem Dating anfängt.

00:30:07: Guten Morgen!

00:30:08: Café?

00:30:09: Ja, gute

00:30:10: Idee Sally, Dipps.

00:30:12: Dipp-Sally!

00:30:13: Vier, sechs, eins, nul, null, eins neun zwei.

00:30:17: Woher kennen Sie meine Telefonnummer?

00:30:20: Woher kennst du sie?

00:30:20: Ich sollte doch gestern das Telefonbuch lesen.

00:30:22: DIP-SALLY!

00:30:23: Viers, sechs, neun, null und eins neuneinzwei.

00:30:25: Ähm... da hat sich alles Kleinigkeiten manchmal.

00:30:29: Sehr clever Jungs.

00:30:30: Ich bring's dann gleich.

00:30:32: Der Treffpunkt war möglicherweise auch der Tatort.

00:30:34: Arbeiten Sie schon lange hier?

00:30:36: Was verstehen Sie unter Lange?

00:30:37: Über zehn Jahre?

00:30:38: Ja.

00:30:40: Sehen Sie von hier?

00:30:41: Aus Malmöne ein

00:30:42: Hm?

00:30:44: Ich bin aus Kopenhagen.

00:30:46: Ja, weiß ich.

00:30:47: Nein, ich bin gebürtig aus Kogenhaken.

00:30:50: Aha!

00:30:54: Es kommt nicht von ungefähr das Schweden... ...die Heimat von Ingmar Bergmann und Lars Norén ist.

00:31:00: Was?!

00:31:01: Du bist sehr hübsch!

00:31:03: Danke!

00:31:04: Ich dachte immer meine Nase wäre zu groß.

00:31:06: Ja schon aber der Rest deines Gesichts macht das wieder Wett.

00:31:12: Wow!

00:31:13: Du bist wirklich ehrlich, ha?

00:31:15: Findest du das schlimm?

00:31:17: Nein, ich finde es erfrischend.

00:31:19: Erzähl mir mehr!

00:31:21: Na gut... Ich kann sehr gut mit Computern umgehen und Biologie ist in der Schule mein Lieblingsfach.

00:31:27: Mädchen mögen mich nicht.

00:31:28: Ich liebe Pinguine aber darüber sollte ich nicht reden Und ich hatte noch niemals Sex und ich habe eine Schildkröte namens Edison benannt nach Thomas Edison.

00:31:36: Aber das ist nicht zu klug.

00:31:40: Das sind jetzt nur drei Beispiele.

00:31:42: Aktuell gibt es noch viel mehr Serien und Formate, bei denen Autismus eine Rolle spielt.

00:31:47: Und das Problem bei ganz vielen davon ist dass sie meistens gar nicht von autistischen Menschen kreiert und gespielt werden und immer dieselben Stereotypen Eigenschaften darstellen.

00:31:57: Ja, und was da auch auffällt ist dass viele Probleme die Menschen mit Autismus eben auch haben.

00:32:02: Die werden in diesen Filmen oder auch in den Medien häufig gar nicht gezeigt also zum Beispiel die Autistinnen die nie sprechen lernen oder die sich gar nicht selbst versorgen können die sich vielleicht nicht alleine die Zähne putzen können oder die solche großen Schwierigkeiten mit Stimuli und Geräuschen haben das sie keine Flugreise antreten können oder am Flughafen einen Zusammenbruch erleiden.

00:32:22: die sieht man daher häufig eigentlich nicht.

00:32:24: Häufig ist es halt so, dass diese ritualisierten Verhaltensweisen das dieselben in der Öffentlichkeit im Vordergrund stehen.

00:32:33: Entweder die Menschen, die so in der Ecke sitzen und schaukeln, die sogar keinen Kontakt aufnehmen oder eben was gerade so in letzter Zeit in den letzten Jahren noch deutlicher wird.

00:32:43: Die Menschen mit den skurrilen Sonderbegabungen Die Menschen, die sich sehr als matrische Niehe hervorheben in einigen Serien sind die Protagonisten.

00:32:54: Matrische Nies oder IT-Spezialisten oder so was ... Oder Kriminalisten, die mit Zahlen auskennen mit ihrem eigenen Spezialgebiet.

00:33:02: Aber die sozial völlig inkompetent sind.

00:33:05: So werden sie häufig dargestellt und das ist mir immer eine Spur zu krass.

00:33:09: Es gibt tatsächlich autestische Menschen, Die meisten haben doch eine gewisse Sozialkompetenz.

00:33:17: Gott sei Dank!

00:33:18: Ich stelle mir auch vor, dass das schwierig ist... Also einerseits ist es natürlich gut wenn versucht wird mit positiven Bildern irgendwie auch Teilhabe zu erreichen und andererseits ist das dann ja auch irgendwie der neue Maßstab.

00:33:31: also wenn ich jetzt autistisch bin und keine Inselbegabung habe oder überdurchschnittlich intelligent bin dann fühle ich mich vielleicht noch wieder nicht zugehörig.

00:33:42: Das ist so.

00:33:43: Und auch Eltern entschuldigen sich manchmal, wenn sie in meine Praxis kommen mit ihrem Erwachsenenkind.

00:33:49: Manche bringen noch einen Elternteil mit zum ersten Gespräch.

00:33:52: das ist okay und viele Eltern entsschuldigen es sich weil ihr Kind eben keinen Spezialinteresse hat.

00:33:59: So weit dürfen wir's nicht kommen lassen.

00:34:00: Spezial Interessen sind kein Diagnosekriterium natürlich.

00:34:05: Oder auch Inselbegabungen oder so.

00:34:07: Das gibt es bei einem kleinen Prozentsatz im einstelligen Bereich, aber das ist nicht die Regel von

00:34:13: Autismus.".

00:34:19: irgendwie ein bisschen traurig zu hören und gleichzeitig auch verständlich.

00:34:22: Also dass Leute sich wirklich dafür entschuldigen, dass ihre Kinder keine Inselbegabung haben.

00:34:26: Ich finde daran wird diese Zweischneidigkeit von Teilhabeprozessen in ihren Anfängen sehr deutlich.

00:34:32: also einerseits gibt es eine höhere Repräsentation das soll sozusagen die Vielfalt der Gesellschaft deutlich machen Und gleichzeitig werden die Menschen, die jetzt neu in dieses Bilde zukommen immer noch so selten gezeigt, dass gar kein vielfältiges und authentisches Bild entstehen kann.

00:34:50: Dann hat man das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und wieder eine Stereotypisierung und eine Einseitigkeit geschaffen.

00:34:56: Aber ich möchte zumindest daran glauben, dass es irgendwie wellenförmig verläuft zwei Schritte vor mal einer zurück aber insgesamt dann doch in eine bessere Richtung.

00:35:08: Und das Beispiel Atypical ist dafür vielleicht exemplarisch, da hat es an der ersten Staffel richtig viel Kritik gegeben aus der Autismus-Community über die Stereotype Darstellung von Autismus und dass keine Menschen mit Autismus involviert worden sind.

00:35:23: Das wurde dann ab Staffel zwei verändert.

00:35:25: Da wurden dann autistische Menschen an der Produktion beteiligt.

00:35:28: Es gab auch Darstellerinnen mit Autismus und ich meine, die ist dann auch deutlich besser aufgenommen worden von der Community.

00:35:36: Und jetzt gibt es neben Autismus noch eine Diagnose, die gerade so eine Art Boom erlebt.

00:35:41: Nämlich ADHS.

00:35:42: Ja und auch für ADHS erkläre ich vielleicht nochmal ganz kurz was wir darunter eigentlich verstehen.

00:35:47: ADHS das ist ja erstmal eine Abkürzung.

00:35:50: dahinter verbirgt sich die Aufmerksamkeitsdefizites Hyperaktivitätsstörung und die gehört auch wie die Autismospektrum Störungen zu den neuroentwicklungsbedingten Störung.

00:36:01: Im Mittelpunkt stehen dabei Schwierigkeiten in den Bereichen Aufmerksamkeit und Konzentration, Impulsivität.

00:36:06: Und je nach Person auch Hyperaktivität.

00:36:09: für diese Diagnose müssen die Merkmale aber über eine längere Zeit bestehen.

00:36:14: In der Regel in der Kindheit bereits begonnen haben und sich auch wieder an mehreren Lebensbereichen zeigen also zum Beispiel mit Schwierigkeiten in der Schule oder im Beruf und eben auch im privaten Alltag.

00:36:25: Wichtig ist es dabei auch dass die Symptome zu einer relevanten Einschränkung führen.

00:36:30: Also nicht jede vergessliche unorganisierte oder unruhige Person hat automatisch ADHS.

00:36:35: Ich muss sagen, dass ADHS in meinem privaten Umfeld noch mal sehr viel häufiger vorkommt als zum Beispiel Autismus.

00:36:42: Der erste Mensch im Nahbereich der eine ADHS-Diagnose bekommen hat war tatsächlich mein eigener Vater.

00:36:48: Das war so Anfang der Zehnerjahre und da war er ja auch schon so in seinen Fünfzigern.

00:36:54: das wurde quasi zufällig herausgefunden, als er wegen einer Depression in Behandlung war.

00:36:59: Häufiges Beispiel übrigens?

00:37:00: Ja, das kommt irgendwie... Das ist auch bei unseren Gesprächspartnern ja häufig der Fall gewesen.

00:37:05: Und im Nachhinein hat vieles total viel Sinn ergeben muss ich sagen.

00:37:09: also ich erinnere mich zum Beispiel an so Kochversuche wenn er versucht hat für mich um eine Geschwister abends zu kochen als wir Kinder waren.

00:37:15: da wurde so jede einzelne Paprika ganz klein geschnitten in so einzelne Töpfchen und alles war in der Küche verteilt und am Ende saß er auf dem Sofa und hat Fernsehen geguckt und wir sind hungrig eingeschlafen neben ihm.

00:37:26: Da hat man schon gesehen, dass da etwas nicht ganz gut funktioniert hat.

00:37:31: Nur als zappelig würde ich ihn tatsächlich gar nicht beschreiben.

00:37:34: So habe ich ihn nicht wahrgenommen.

00:37:36: Ich hab dann auch gedacht, ob er vielleicht eher eine ADS-Diagnose hat also ohne das

00:37:41: H?

00:37:41: Genau!

00:37:42: Das gibt es also unter Formen schon auch.

00:37:44: Also gemeint sind damit die Personen wie du deinen Vater gerade beschrieben hast bei denen halt vor allem die Unaufmerksamkeit und die Konzentrationsprobleme im Vordergrund stehen aber die Hyperaktivität, also das Haar weniger auffällig ist.

00:37:55: ADS wird heute eigentlich nicht mehr als eigenständige Diagnose geführt, aber das ist eben eine mögliche Erscheinungsform von ADHS.

00:38:02: Ja mein Vater hat es auch mal so erklärt bekommen dass das H diese Hyperaktivität sich in Leben beziehen kann.

00:38:09: Also das Gedankenhyperaktiv sind nicht unbedingt die körperliche Auslebung von Hyperaktivität.

00:38:14: Und das ist auch nochmal ein interessantes Beispiel dafür, dass Symptome von ADHS bei Erwachsenen sich auch schon noch mal anders zeigen können als bei Kindern.

00:38:22: Deswegen ist es manchmal auch schwieriger bei Erwachsenden sofort einen Zugang dazu zu finden.

00:38:28: und ich finde auch ganz tolles Beispiel eigentlich von deinem Vater weil er's nochmal beschreibt wie Menschen mit ADHS im Erwachsendenalter häufig in Behandlung kommen nämlich weil sie zum Beispiel zum Beispiel dann im zweiten Schritt eine Depression entwickeln.

00:38:40: Bis zu der Diagnose von meinem Vater hatte ich ADHS auch noch gar nicht so auf dem Schirm, besonders bei Erwachsenen und seitdem sind natürlich noch einige Menschen in meinem Umfeld dazugekommen.

00:38:52: Eine meiner Schwester, einige Friends und Bekannte und auch mein WDR-Arbeitskollege Gianluca Dellbach ist freier Reporter und Redakteur in Köln und hat mir genauer erzählt wie er zu seiner Diagnosis gekommen

00:39:05: ist.

00:39:06: Man hat natürlich schon immer irgendwie gemerkt, dass man ein bisschen anders ist.

00:39:08: Ich war eher der sogenannte Zappel-Philip in der Schule, war relativ unaufmerksam... ich weiß nicht schlecht in der Schule.

00:39:15: also ich hatte jetzt keine Probleme aber ich habe die Leute abgelenkt und ich brauchte auch dieses ganze Touhouvabou in der Klasse wenn es ruhig war hab' ich's nicht gemocht.

00:39:24: Und da hatte man so ein bisschen einen Anfangsverdacht dann über Studium wo ich sehr unkoordiniert war, wo es mir sehr schwer gefallen ist Verantwortung für mich zu übernehmen wo ich sehr unordentlich auch in meinen ersten Wohnungen gewesen bin und so weiter, kann dann schon so ein Anfangsverdacht das es möglicherweise so sein könnte.

00:39:43: Und dann bin ich irgendwann mal auf dem Real gestoßen auf Instagram tatsächlich und da wurde erklärt was die Symptome von ADHS sein können und dann habe ich mich da schon ein bisschen mit identifiziert hab gesehen ah okay das trifft du das triff zu das trifst um vielleicht spreche ich das mal an Ich war glücklicherweise schon in Therapie und dann ging das ganz einfach, weil diese Praxis auch ADHS-Testung macht.

00:40:07: Und dementsprechend habe ich da das dann

00:40:09: initiiert.".

00:40:10: D.h.,

00:40:11: du bist wirklich durch Social Media eigentlich darauf gekommen?

00:40:14: Ja, das finde ich total überraschend!

00:40:16: Weil ich bin gar nicht so ein Social Media Typ, ich bin ganz wenig unterwegs, mittlerweile sogar gar nicht mehr... Aber damals ist es meine Timeline gespült worden und hab dann irgendwie gecheckt, oh, das könnte ja irgendwas sein was mit mir zusammenhängt oder was mich betrifft.

00:40:31: Mission accomplished!

00:40:32: Jan-Luka ist wirklich ein Beispiel dafür, wie Aufklärung via Social Media gut laufen kann.

00:40:39: Das war aber noch zu einer Zeit hat er mir erzählt wo es noch gar nicht so viele Influencer in gab die sich mit dem Thema beschäftigt haben.

00:40:46: das war also echt so ein Zufallsfund vor allem weil Jan Luca auch schon in Therapie war so wie wir eben besprochen haben wegen depressiver Symptome wo aber das ADHS noch gar nie entdeckt wurde.

00:40:58: Ja, ich bin ja mit einer depressiven Verstimmung quasi in die Therapie gegangen und ADHS war sehr wahrscheinlich ein Auslöser für diese Verstimmung.

00:41:04: Und das ist natürlich einen ganz anderen Ansatz wenn man weiß dass man ADHS hat weil man dann die Symptomatik ein bisschen anders auch angeht.

00:41:12: also vorher ging es dann da sehr viel um.

00:41:15: warum bin ich so down?

00:41:16: Warum nicht so legitimisch?

00:41:17: Warum komme ich nicht aus dem Bett?

00:41:19: Warum bin ich traurig und unzufrieden?

00:41:23: und dann ändert sich das Ganze einmal in der Therapie.

00:41:26: Die Herangehensweise ist dementsprechend so, dass man sich auf die Symptome von ADHS fokussiert und sie in den Griff zu bekommen um dann nicht in dieses Loch zu fallen indem ich war.

00:41:37: Auch Larissa Kriet aus Berlin hat ihre Erfahrung mit uns geteilt.

00:41:42: bei ihr gab es auch schon das ganze Leben lang Hinweise auf ADHS aber der entscheidende Wendepunkt kam erst durch die Geburt ihres Kindes.

00:41:49: Also, vermutet wurde das tatsächlich schon sehr früh.

00:41:54: Ich hab früher immer wieder Kommentare gehört wie ... Ja,

00:41:59: die hat ja

00:41:59: ADHS oder so.

00:42:00: wenn ich mal ein bisschen zu viel Bewegungsdrang hatte alles zu schnell gemacht, habe zwanzig Sachen auf einmal aber ich wusste damals nicht was das für mich bedeutet.

00:42:08: und als dann meine Tochter auf die Welt kam und ich ... Ja genau, meine Tochte war ein absolutes Schnullerkind Und ich weiß nicht, ob ihr das kennt.

00:42:20: Aber wenn man so ... Wenn man ein Schnullerkind hat, braucht die ganze Zeit den Schnully und man verliert mal den Schnulli am Tag.

00:42:29: Weiß nicht wo das ist vom Kind?

00:42:31: Wo sind die Windeln, wo sind die Feuchttücher?

00:42:35: Ich hab mich so oft geärgert darüber und war frustriert, dass ich alles verleg.

00:42:40: Mein Handy nicht gefunden habe im passenden

00:42:42: Moment.

00:42:43: Irgendwie nicht anrufen konnte, wenn irgendwas war.

00:42:47: Ja, da habe ich das erste Mal richtig mit mir gestruggelt.

00:42:50: Vorher bin von einem Job zum nächsten gesprungen und hab nicht verstanden warum aber

00:42:56: war auch

00:42:56: cool für mich.

00:42:57: War fein für mich, bin viel gereist, hab viel gefeiert... Das war alles cool!

00:43:01: Aber ab dem Zeitpunkt wo dann die Kleine da waren und ich musste funktionieren ...

00:43:06: Da

00:43:06: wurde es richtig schwer für mich.

00:43:08: Bis zur offiziellen Diagnose hat es dann aber auch noch gedauert.

00:43:12: Auch weil's ja oft schwer ist, einen Platz für die Diagnostik zu bekommen.

00:43:16: Larissa Kriet war dafür hier in der Charité und hat aber richtig lange gewartet.

00:43:21: Das war grause.

00:43:22: Da dachte ich teilweise, wie soll das denn sonst funktionieren?

00:43:28: Ich musste einmal im Monat in einer Stunde an einem bestimmten Tag anrufen, um überhaupt auf diese Warteliste zu kommen.

00:43:39: Mit einer unbehandelten ADHS?

00:43:41: Genau!

00:43:42: Ich habe mir immer wieder Wecker gestellt und versucht dranzudenken aber ein paar Mal habe ich es halt einfach nicht getestet.

00:43:47: Es war ... ich glaube, ich hab einen Jahr eineinhalb Jahre warten müssen

00:43:51: Und das ist echt keine ungewöhnliche Zahl, auch bei der Autismusdiagnostik haben wir von Wartezeiten gehört die in die Monate und sogar Jahre gehen können.

00:44:00: Das klingt natürlich so als gibt es dann Hype aber Forschende gehen tatsächlich noch davon aus dass noch gar nicht alle potenziell Betroffenen aktuell erreicht werden.

00:44:10: Das hat uns Professorin Alexandra Philippsen erzählt.

00:44:13: Die Verbreitung, also die Prävalenz in der Bevölkerung für die Erwachsenen ist jetzt konservativ – zwei Komma fünf Prozent.

00:44:18: Manche gehen ja auch von höheren Zahlen aus aber das ist jetzt Konservativ und es gibt so neue Präverlänzzahlen zum Teil.

00:44:24: Aber da liegen wir auch noch bei null Komma sieben Prozent.

00:44:27: Also es liegt nochmal deutlich unter dem was man eigentlich erwarten würde in der bevölkungsbasierten Häufigkeit.

00:44:34: Insofern sind wir immer noch in einem Bereich wo ich sagen würde wir holen auf.

00:44:39: Für das Kindesalter gab es ja schon vor Jahren Daten, die sehr hoch waren.

00:44:45: Vor allem im vierten und fünften Schuljahr.

00:44:47: Da waren zum Teil Prävalenzzahlen, dann administrative Präbalenzzahl.

00:44:51: Das heißt gestellte Diagnosen in den Krankenkassendaten von zehn bis zwölf Prozent ist schon sehr hoch.

00:44:56: Und da würde man sagen, Vorsicht, ob der nicht zu niederschwellig die Diagnose gestellt wird?

00:45:04: Deswegen ... Ist das jetzt der Stand, über den wir sprechen und natürlich müssen wir Obach geben?

00:45:10: Dass wir das nicht inflationär dann nachher vergeben.

00:45:13: Klar!

00:45:13: Ein Moment sehe ich die Gefahr noch

00:45:15: nicht.".

00:45:15: Und wenn man jetzt nochmal genau schaut sieht man auch dass die Angaben der Prävalenzzahlen sich aktuell noch unterscheiden je nachdem wem man fragt.

00:45:24: Also zum Beispiel der US-amerikanische Psychologe und Professor Stephen Farone, der ist ein sehr bekannter ADHS Forscher seit über dreißig Jahren.

00:45:32: Der geht eher von Prävalenzzahlen von ungefähr fünf Prozent bei Erwachsenen aus.

00:45:37: Wir haben jetzt auch noch mal die Expertinnen bei uns im Hause befragt also KollegInnen von mir aus der adhs Spezialambulanz Die berichten von prävalentszahlen zwischen drei und vier Prozent.

00:45:48: Aktuell sind wir uns da offensichtlich noch nicht so sicher

00:45:51: Und das ist ein wichtiger Punkt.

00:45:52: Weil gerade unter Erwachsenen gibt es immer noch viele unentdeckte Fälle, die von so einer Diagnose profitieren könnten.

00:45:59: und diese Erwachsenden sind auch der Grund warum die Diagnosenzahlen bei ADHS so krass gestiegen sind in den letzten Jahren dass das Thema so präsent war, dass es jetzt schon eine Debatte gibt ob wir nicht inzwischen sogar viel zuviel ADHS überall sehen.

00:46:12: Ich komme aus einer Zeit, wo die Diagnose im Erwachsenenalter noch nicht anerkannt war.

00:46:17: Wir haben dafür gekämpft, dass man diese Diagnosis mal anerkennt.

00:46:22: Das ist eine andere Background und insofern ist es für uns auch immer eine Herausforderung, umzudenken und zu sagen okay jetzt geht's eher darum das nochmal zurück zur Variante, Variation ... Ist es überhaupt eine Diagnosse?

00:46:36: Ist es störungsrelevant?

00:46:38: Es ist so ein bisschen wie mit den Generationen!

00:46:43: sich da probiert, dialektisch zu bewegen.

00:46:45: Ja bis vor kurzem galt adhs einfach tatsächlich als eine Kinder- und Jugendkrankheit.

00:46:51: Ja, genau.

00:46:52: Das ist tatsächlich ein total wichtiger Teil dieser Geschichte denke ich und auch für mich persönlich ist das irgendwie spannend weil sich das innerhalb meiner Karriere geändert hat.

00:47:01: also lange Zeit wurde ADHS vor allem als Kinderdiagnose verstanden.

00:47:04: man hat sich gedacht dass sich das im Erwachsenenalter vielleicht auch auswächst und entsprechend gab es deutlich weniger Aufmerksamkeit für Erwachsene mit ADHS Und auch die medikamentöse Behandlung war lange nur eingeschränkt möglich bzw häufig nur off-label.

00:47:18: Also die Medikamente waren für Erwachsende gar nicht zu gelassen und das hat sich jetzt in den letzten zwei Jahrzehnten nochmal komplett geändert.

00:47:26: Zum einen haben Langzeitstudien gezeigt, dass eben ADHS bei vielen Menschen bis ins Erwachsenenalter fortbesteht und sie deswegen natürlich dann auch noch eine Behandlung brauchen.

00:47:36: Und zum anderen wurden Medikamente dann für Erwachsene zugelassen, das war aber erst des Jahrzehntes und dann im Jahrzehn kam noch ein zweites Medikament dazu.

00:47:44: Dadurch wurde ADHS im Erwachsenenalter dann plötzlich sichtbarer einerseits für Betroffene, aber eben auch für uns Behandlerinnen ehrlich gesagt.

00:47:51: Das muss ungefähr der Zeitraum gewesen sein wo mein Vater die Diagnose bekommen hat.

00:47:56: Ja und diese Erkenntnis, dass auch Erwachsene von ADHS betroffen sind oder betroffen bleiben ist auch ein Grund für die hohe Präsenz vom Thema.

00:48:05: Ausnahmslos alle Menschen mit ADHS, mit denen wir gesprochen haben – auch Off the Record – haben das selbe berichtet.

00:48:11: Dass die hohen Aufmerksamkeit für ADHS eine Kehrseite hat, nämlich dass viele Menschen in der Mehrheitsgesellschaft die Diagnose inzwischen oft gar nicht mehr so ernst nehmen!

00:48:21: Dadurch, dass es sehr präsent ist in den Medien wird das dann auch oft runtergespielt.

00:48:26: Also so dieses Ach noch eine mit Adias Diagnose

00:48:29: und

00:48:30: ich hab Glück in meinem Umkreis, dass solche Menschen da eigentlich gar nicht existieren.

00:48:35: Und wenn?

00:48:36: Dann kann Ich darüber stehen aber ich glaube für andere menschen ist das wahrscheinlich schon belastender.

00:48:41: Es gab doch letztens sogar noch ein podcast.

00:48:43: ich sage jetzt keine name Aber Da Haben So Zwei sehr Bekannte Menschen Darüber Gesprochen Dass Menschen sich nur eine Diagnose abholen wollen, damit sie ihre Probleme rechtfertigen können und so weiter.

00:48:55: Und das ist glaube ich was auch von vielen noch so gesehen wird dass dieses typische ja hab dich nicht so kann ich vielleicht auch ein bisschen nachvollziehen weil wenn man es nicht hat warum wie sollte man das checken?

00:49:05: also man muss schon sehr empathisch sein dafür und manche Menschen sind einfach nicht empathisch.

00:49:08: Wir hatten das eben schon bei Christine Preismann und dem Autismus diesen Punkt der Verharmlosung Eben.

00:49:14: weil diese Diagnosen so eine Art Mainstreaming erfahren, werden sie auch immer allgemeiner verstanden.

00:49:20: Also wenn ich mich nicht so konzentrieren kann oder vergesslich bin dann sind das halt gleich ADHS Symptome also dass alle sich mit dieser Diagnose identifizieren können.

00:49:28: Das ist ja einerseits was Gutes, weil es zeigt wir fühlen, dass das etwas ist, was alle betreffen kann – auch uns!

00:49:34: Es wird immer mehr Teil unserer Normalität und des Alltags.

00:49:38: Aber was dabei vielleicht manchmal unter den Tisch fällt, ist dass es echte Unterschiede gibt zwischen ich bin heute ein bisschen schusselig oder ich habe eine richtige manifeste ADHS.

00:49:48: Das ist schon echt problematisch weil damit wird das auch downgetalkt sage ich mal neudeutsch und weniger ernst genommen.

00:49:55: Jetzt muss man sich mal die Zahlen angucken.

00:49:57: Wir wissen, dass Mortalitätszahlen aus England das Menschen sechs bis sieben Jahre vorher sterben.

00:50:03: Das ist ja nicht einfach so, sondern das sind Zahlen und wir wissen die möglichen Komorbiditäten, Suchtdepression

00:50:09: usw.,

00:50:10: das ist hochrelevant.

00:50:11: Deswegen wird es natürlich eine Gefahr auch.

00:50:14: Wenn man dann so ADS-Like, ich bin auch ein bisschen ADS und so, das niederschwellig verwendet.

00:50:20: Und ein bisschen kann ich das auch nachvollziehen.

00:50:22: Mir geht's auch oft so, vor allem in den letzten Jahren dass ich denke meine Aufmerksamkeitsspanne ist so geschrumpft... Ich vergesse manchmal von einer Sekunde auf die andere was sich gerade gedacht habe oder was ich machen wollte oder ich unterbreche mich die ganze Zeit.

00:50:36: selber schieb hier und da noch irgendwie etwas anderes unter was ich ja auch noch jetzt machen könnte.

00:50:41: Ja dann kommt mir natürlich der Vergleich zu ADHS auf.

00:50:45: Ich weiß aber auch, dass es viele andere Punkte und Bereiche gibt wo die Symptomate gar nicht auf mich zutrifft.

00:50:52: Also ich kann zum Beispiel voll gut mit Deadlines umgehen!

00:50:54: Ich bin irgendwie sehr organisiert und strukturiert und da ist mir dann doch relativ schnell immer klar... Diese Schusseligkeit oder dieses sich selbst unterbrechen und so, das hat irgendwie andere Gründe bei mir.

00:51:05: Also zum Beispiel die Durchdigitalisierung des Alltags, ständige Erreichbarkeit und ein bisschen vielleicht auch das Alter?

00:51:11: Genau!

00:51:12: Und ich glaube, dass ist schon noch mal ein wichtiger Punkt weil viele Symptome von ADRHS sind zunächst einfach erstmal... Teil einer menschlichen Erfahrung.

00:51:20: Also ich denke, fast jede Person kennt ja Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit innere Unruhe oder irgendwie das Gefühl zu viel Sachen gleichzeitig anzufangen und natürlich ist es schon auch abhängig davon wie unser Alltag aussieht also ob der Wahnsinn nicht von Informationen geprägt ist und von Deadlines

00:51:35: etc.,

00:51:36: aber die diagnostische Frage ist deshalb eben nicht ob ein Symptom vorkommt sondern wie ausgeprägt es ist seit wann es besteht in welchen Lebensbereichen es auftritt und welche anderen Erklärungen eventuell auch noch infrage kommen.

00:51:48: Probleme können ja, wie du auch schon gesagt hast zum Beispiel mit Stress zusammenhängen.

00:51:52: Mit Schlafmangel, mit Depressionen, Ängsten, ständiger Reizüberflutung oder ganz vielen anderen Faktoren und deswegen ist Diagnostik mehr als das Wiedererkennen von einzelnen Symptomen.

00:52:02: also die eigentliche Frage lautet ergibt sich daraus insgesamt das Bild einer ADHS?

00:52:07: Oder gibt es eine andere vielleicht auch plausiblere Erklärung?

00:52:11: Und ich finde schon, dass das wichtig ist zu besprechen.

00:52:13: Weil was dabei manchmal auch unter den Tisch fällt, ist es Menschen mit einer manifesten ADHS oder auch einem manifesten Autismus ja reale Nachteile durch diese Symptome haben.

00:52:22: also Menschen mit ADHS sterben im Durchschnitt früher als Menschen ohne ADHS.

00:52:28: Sie erreichen auch häufig geringere Bildungsabschlüsse und ein weniger vorteilhaften sozioeconomischen Status.

00:52:35: Das hat uns Alexandra Philipsen auch noch erzählt.

00:52:38: Und was ich auch immer wieder gelesen habe und echt spannend fand, ist dass in Gefändnissen es eine viel höhere ADHS-Prävalenz gibt.

00:52:46: Also ADHS zu haben erhöhtes Risiko auch kriminell zu werden... Ich tendiere dazu zu denken das das nicht ursächlich am ADHS liegt sondern an der Tatsache dass man mit einer ADHS insgesamt schlechter durchs Leben

00:52:58: kommt Wobei ich schon sagen würde, es ist auch nicht unabhängig von der ADHS.

00:53:03: Also die Symptome des ADHS zum Beispiel Impulsivität, das äußert sich häufig auch in risikohafterem Verhalten.

00:53:10: Personen mit ADHS tendieren auch dazu, sich selbst zu medizieren mit Substanzen also mit Drogen und alle diese Punkte erhöhen natürlich das Risiko zum Beispiel auch straffällig zu werden.

00:53:23: Das hat dann schon mit den Symptomen der Erkrankung zu tun.

00:53:26: Okay,

00:53:26: ja, das kann ich nachvollziehen und ich kenne wirklich viele Menschen die so dieses Self-Medicating durchkiffen tatsächlich auch.

00:53:33: Absolut!

00:53:34: Unternommen haben viele Jahre.

00:53:36: Und was man auch nicht vergessen darf glaube ich ist dass es nach wie vor viele Teile unserer Gesellschaft gibt in denen es nicht hip ist überhaupt psychiatrische Diagnosen zu sprechen Auch wenn das so was ist wie ADHS, das ziemlich trendet ja im Vergleich zu anderen Diagnosen haben wir heute besprochen.

00:53:53: Und wo eben kein so großes Verständnis herrscht oder wo schlicht auch die Ressourcen und Kapazitäten der Menschen nicht ausreichen um sich mit solchen Problemen zu beschäftigen weil man vielleicht stärker damit beschäftigt ist überhaupt über die Runden zu kommen.

00:54:05: also ich denke an bildungsfernere und ärmere Schichten.

00:54:09: Wir beide sind ja eher genau in den Kreisen, wo das Thema sehr gerne besprochen wird.

00:54:14: Also wir sind Akademikerinnen die auch noch im Journalismus und im Gesundheitsbereich tätig sind Und da kommt es einem vielleicht manchmal schon so vor, dass das Thema einfach überstrapaziert ist.

00:54:25: Aber selbst da gibt es auch so Bubbles wo man mit einer ADHS Diagnose tatsächlich gar nicht hausieren geht.

00:54:31: Das habe ich im Zuge der Recherche für diesen Podcast gelernt nämlich unter LehrerInnen.

00:54:36: Ja spannend!

00:54:37: Ja das scheint's echt noch total tabu zu sein zumindest wenns nicht die SchülerInnen betrifft sondern eben eine Lehrkraft.

00:54:44: und das war so einer der Momente in denen ich dachte ja Der Diskurs der Mark laut sein, aber in Sachen Instigmatisierung ist das Ende der Fahnenstange eigentlich noch nicht erreicht.

00:54:59: In der nächsten Folge schauen wir auf das Thema Diagnosekult zwischen Normenstörung und Identität.

00:55:06: Ich habe kürzlich das erste Mal von einer Diagnoseparty gehört, da hat jemand tatsächlich eine kleine Feier ausgerichtet um die offizielle ADHS-Diagnose zu feiern.

00:55:14: Das hab ich irgendwie irritiert!

00:55:16: Das kann ich total verstehen, das irritiert mich ehrlich gesagt auch.

00:55:19: Also gleichzeitig glaube ich schon, dass viele Menschen in so einem Moment gar nicht die Diagnose als solche feiern sondern einfach die Erleichterung.

00:55:26: Das finde auch total nachvollziehbar.

00:55:27: also endlich eine Erklärung zu haben warum bestimmte Dinge im Leben waren wie sie waren das kann ja was sehr Entlastendes sein.

00:55:35: und trotzdem finde ich die Reaktion irgendwie interessant denn ich frag mich jetzt nochmal ob diese Person auch eine Party veranstaltet hätte wenn die Diagnose eben eine Persönlichkeitsstörung wäre oder eine Bipolarisstörung oder eine Alkoholabhängigkeit.

00:55:48: Da bin ich mir nicht so sicher.

00:55:50: Und das wirft bei mir dann jetzt wieder die Frage auf, warum manche Diagnosen heute halt eher als Erklärung oder sogar als Teil der Identität erlebt werden, während andere Diagnose eigentlich weiterhin vor allem mit Leid und Krankheit und eben auch Stigmatisierung verbunden sind?

00:56:05: Und diesen Unterschied finde ich total spannend!

00:56:07: Ja, aber werden wir in den nächsten Folgen ja auch noch ausführlicher sprechen.

00:56:09: Genau!

00:56:10: Wir sprechen miteinander mit unseren heutigen und weiteren Interviewpartnern allen.

00:56:14: Wir freuen uns wenn ihr dann wieder dabei seid bis dann In Behandlung.

00:56:20: Mentale Gesundheit, ADHS und Autismus zwischen Sensibilisierung

00:56:24: und Hype

00:56:25: ist eine Podcast-Serie von Merve Fritsch und Noel O'Brien Koker gefördert von der Stiftung Charité mit einem Science Meets Media Tandem.

00:56:34: Redaktion – Noel Obrine Koker, Amelie Baerboth und Susanne Wündisch.

00:56:39: Producer Dennis Steinwachs Sounddesign Jellika Eine Produktion von der Apparat Multimedia GmbH Berlin.

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