Folge 2: Diagnose-Kult: Zwischen Norm, Störung und Identität

Shownotes

In der zweiten Folge von "In Behandlung" klären unsere Hosts Noelle O'Brien-Coker und Dr. Merve Fritsch darüber auf, wie eine Diagnostik abläuft und warum sie gerade bei ADHS und Autismus so umfangreich sein kann. Mit ihren Gästen sprechen sie darüber, wann aus einer individuellen Art zu denken oder zu handeln eine behandlungsbedürftige Störung wird und warum manche Menschen enttäuscht sind, wenn sich der Verdacht auf ADHS oder Autismus in einer professionellen Diagnostik nicht bestätigt.

Die Folge beleuchtet die entlastende Wirkung einer Diagnose, aber auch die Risiken vorschneller Selbstdiagnosen und den Unterschied zwischen Diagnosen und Identitäten.

Kapitel

00:00:00 Hype um Diagnosen

00:01:41 So werden Diagnosen gestellt

00:05:54 Wofür Diagnosen gut sind

00:12:26 Strukturdiagnose & Neurodivergenz

00:17:30 Pathologisierung & gesellschaftlicher Wandel

00:22:27 Diagnose vs. Identität

00:33:52 ADHS- & Autismus-Diagnostik in der Praxis

00:37:54 Fazit & Ausblick

Unsere Gäste in dieser Folge

Dr. Christine Preißmann, Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie mit Spezialisierung auf Diagnostik, Therapie und Beratung autistischer Menschen; hat selbst eine Autismus-Diagnose und engagiert sich bei autismus Deutschland e.V.

Prof. Dr. Ludger Tebartz van Elst, Autismus-Experte, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie sowie leitender Oberarzt am Universitätsklinikum Freiburg.

Prof. Dr. Inge Kamp-Becker, Autismus-Expertin, Psychologin und Professorin am Universitätsklinikum Heidelberg.

Gian-Luca Delbach, Journalist und ADHS-Betroffener aus Köln.

Larissa Krijt, Erzieherin und ADHS-Betroffene aus Berlin.

Deniz, ADHS-Betroffene aus einer deutschen Großstadt.

Einige unserer Quellen

Kamp-Becker et al. zur Autismus-Diagnostik bei Kindern und Erwachsenen (2020).

Marchewka et al. über die Entpathologisierung von Queerness in psychiatrischen Klassifikationssystemen (2023) .

Ludger Tebartz van Elst: "Autismus, ADHS und Tics: Zwischen Normvariante, Persönlichkeitsstörung und neuropsychiatrischer Krankheit" (2023).

Marek Grummt über soziokulturelle Perspektiven auf Neurodiversität (2024).

Credits

"In Behandlung. Mentale Gesundheit, ADHS und Autismus zwischen Sensibilisierung und Hype" ist eine Podcast-Serie von Noelle O'Brien-Coker und Merve Fritsch. Gefördert von der Stiftung Charité mit einem science x media Tandem.

Redaktion: Noelle O'Brien-Coker, Amelie Berboth und Susanne Wündisch-Willi

Producer: Denis Steinwachs

Sounddesign: Yelika

Eine Produktion von der apparat multimedia gmbh Berlin

Transkript anzeigen

00:00:07: Psychische Gesundheit ist eines der Themen unserer Zeit.

00:00:10: Noch nie was Akzeptierter über den eigenen State of Mind zu sprechen, vor allem die Diagnosen ADHS und Autismus sind inzwischen so angesehen dass sie stolz ins Social Media Bios präsentiert werden neben Pronomen und Sternzeichen.

00:00:24: Es werden sogar Diagnosepartys gefeiert Und auf Etsy gibt es dazu die passenden ADHD Party Now Process Later.

00:00:31: Einladungskarten Also erstmal feiern dann verarbeiten.

00:00:35: Welche Bedeutung haben Diagnosen für die, die sie bekommen?

00:00:38: Sind ADHS und Autismus überhaupt noch Diagnose oder schon Identitäten.

00:00:43: Und was würde das bedeuten?

00:00:45: Diesen Fragen gehen wir nach bei Inbehandlung.

00:00:48: Das hier ist Folge zwei – Diagnosekult zwischen Norm, Störung und Identität.

00:00:57: Hi!

00:00:59: Wir sind

00:01:06: Merve Fritt

00:01:07: und Noella Brian Coker.

00:01:09: In der letzten Folge von in Behandlung haben wir uns schon mit der Popularisierung von Mental Health Themen beschäftigt und insbesondere mit den stark gestiegenen Zahlen bei ADHS und Autismus.

00:01:20: Und in dieser Folge wollen wir nochmal genauer auf das Thema Diagnosen schauen, mehr oder mal so ganz basic von vorne.

00:01:27: Wie läuft eigentlich eine Diagnostik ab?

00:01:30: Du vergibst ja wahrscheinlich selbstständig welche!

00:01:33: Ja ich glaube wahrscheinlich vergeb' ich jeden Tag Diagnose.

00:01:36: Und wie man das genau macht, das kommt tatsächlich schon ziemlich auf die Fragestellung und auch auf der Setting an.

00:01:41: Also viele stellen sich ja eine Diagnostik vor wie einen einzelnen Test aber eigentlich ist eine Diagnostik eher wieso das Zusammensetzen von einem umfangreichen Puzzle?

00:01:50: Am Anfang steht meistens die Frage was ist überhaupt das Problem oder was ist jetzt überhaupt die Fragerstellung?

00:01:55: und dann versucht man verschiedene Befunde dazu zu erheben.

00:01:58: In der Psychiatrie ist es so, dass das zum Beispiel das Gespräch mit der Patientin oder dem Patienten ist.

00:02:03: Die Erhebung von dem sogenannten psychopathologischen Befund und manchmal halt auch strukturierte diagnostische Interviews oder Fragebögen.

00:02:11: Und manchmal kommt dann auch noch eine körperliche Untersuchung dazu oder Laborwerte oder andere Untersuchungen zB Bildaufnahmen vom Gehirn.

00:02:20: Und nochmal kurz psychopathologisch.

00:02:22: was ist das genau?

00:02:23: Der psychopathologische Befund ist das Werkzeug, dass wir in der Psychiatrie verwenden um standardisiert zu beschreiben was für Symptome bei einem Menschen vorliegen.

00:02:35: Da gibt es ein bestimmtes Manual, das AMDP-Manual und da haben wir uns sozusagen als Fachwelt geeinigt auf bestimmte Begriffe die wir verwenden, um einen Symptom oder ein Verhalten zu beschreiten Und das ist auch wichtig, dass es standardisiert ist damit wir in der gleichen Sprache sprechen.

00:02:55: Das heißt wenn ich so einen Befund erhebe sollte es so sein, dass der nächste Arzt oder Ärztin die des Lesen auch wissen was ich gesehen habe als ich den Patienten untersucht hab.

00:03:06: Okay,

00:03:06: d.h.,

00:03:07: der psychopathologische Befund ist sowas wie ein psychiatrischer Steckbrief?

00:03:12: Genau, es ist ein psychiatrischer Untersuchungsbefund.

00:03:15: Also in der somatischen Körpermedizin gibt es auch Standards dafür wie man zum Beispiel beschreibt wie sich das Herz anhört wenn man es untersucht mit dem Städtoskop und das haben wir in der Psychiatrie auch.

00:03:27: Okay ja verstehe also ihr habt diese ganzen verschiedenen Puzzleteile um euer Puzzle zusammenzusetzen.

00:03:36: Wie geht's dann weiter?

00:03:37: Genau.

00:03:38: Und was wir davon benutzen, das hängt auch stark vom Kontext ab.

00:03:41: also wenn man zum Beispiel in der Notaufnahme arbeitet dann würde man nicht erst mal eine mehrstündige Autismusdiagnostik mit verschiedenen Interviews durchführen sondern dann geht es ja vielleicht eher darum eine schnelle Einschätzung zu treffen.

00:03:51: gibt es eine akute Krise oder liegt eine Suizidalität vor?

00:03:56: Gibt es Hinweise auf eine Psychose und eine schwere Depressionen?

00:03:59: und auf Grundlage der Informationen die ich in der Situation erheben kann stelle ich dann oft eine Diagnose oder zumindest eine Verdachtsdiagnose.

00:04:07: Weil manchmal ist es auch so, dass einfach nicht genug Informationen vorliegen.

00:04:11: um klar zu sagen Es ist jetzt Diagnose X oder Y.

00:04:14: Gerade in so

00:04:16: Akkutsituationen In der Psychiatrie orientieren wir uns dabei an einem Klassifikationssystem.

00:04:21: das nennt sich ICD Das erklären wir auch an einer späteren Folge nochmal genauer Und darin beschrieben sind aber, welche Merkmale oder Symptome für bestimmte Diagnosen eben vorliegen müssen.

00:04:32: Wenn jemand beispielsweise dann die Kriterien erfüllt für eine depressive Episode, dann könnte man die Diagnose dann auch stellen.

00:04:38: Okay!

00:04:39: Das heißt?

00:04:40: Eine Diagnosis ist eigentlich nicht so ne einmalige Sache – das macht man und hat man die unfertig.

00:04:46: Genau also zumindest ist sie nicht das Ergebnis von einem einzelnen Test sondern es ist halt immer ne fachliche Bewertung aller verfügbaren Informationen machen zu können, braucht man auch einen gewissen Grad an Erfahrung um die Information einordnen zu können und je nach Fragestellung kann dieser Prozess wenige Minuten dauern oder sich eben über mehrere Termine erstrecken.

00:05:07: Und du hast es ganz richtig gesagt also eine Diagnose ist letztlich erstmal eine Arbeitshypothese.

00:05:11: die soll möglichst gut erklären was wir beobachten.

00:05:15: aber wenn neue Informationen dazu kommen im Verlauf dann kann die Diagnosis bestätigt werden oder präzisiert werden, aber sie kann auch wieder verworfen werden.

00:05:23: Also ein ganz klassisches Beispiel dafür ist die bipolarische Störung, die manisch-depressive Erkrankung.

00:05:28: Da ist es so, dass manche Menschen am Anfang ihres Lebens vielleicht mal eine Depression hatten und dann hat man das Depression genannt.

00:05:35: Und wenn Sie im Laufe Ihres Lebens noch einmal eine sogenannte manische Episode haben, dann kann man überhaupt erst feststellen, ah!

00:05:41: Die Erkrankung ist doch eine bipolare Störung.

00:05:43: Dann wird die Diagnose auch

00:05:44: geändert.".

00:05:47: Wie und das?

00:05:49: warum?

00:05:50: Also was sind so?

00:05:51: die Gründe dafür, dass wir einen Diagnose überbrauchen.

00:05:54: Da gibt es natürlich jetzt viele verschiedene Gründe wenn man jetzt aus der Mediziner in Perspektive schaut.

00:06:00: Es ist erstmal für uns wichtig zu verstehen Was ist das Problem eines Patienten einer Patientin damit wir erst mal untereinander über das gleiche sprechen Und damit wir auch entscheiden können, welche Behandlung diese Person braucht.

00:06:14: Also was würde dieser Person jetzt helfen?

00:06:16: Das kann man nur gut entscheiden, weil man weiß, was die Person hat.

00:06:21: Und dann ist es ganz praktisch im Gesundheitssystem einfach so, dass eine Diagnose immer auch der Schlüssel ist für Zugang zu Behandlung.

00:06:28: Also die Verordnung von Psychotherapie oder Medikamenten braucht man eine Diagnose damit die Krankenkasse das finanziert.

00:06:36: und auch wenn man einen Nachteilsausgleich oder einen Grad der Behinderung beantragen möchte, braucht man ein Diagnos damit das genehmigt werden kann.

00:06:44: in der Regel?

00:06:44: Ja!

00:06:45: Das sind so pragmatische, praktische Punkte.

00:06:48: Es gibt aber auch emotionale Aspekte, die eher was mit Selbsterkenntnis und Akzeptanz zu tun haben wenn es um Diagnosen geht.

00:06:56: So hat das zum Beispiel Christine Preismann geschildert.

00:06:59: Sie ist Ärztin und Psychotherapeutin mit Schwerpunkt auf Autismus Und ist selbst autistisch.

00:07:04: Die Diagnose hat sie erst mit siebenundzwanzig Jahren bekommen.

00:07:07: Das war eine Erleichterung zu wissen dass es eben ein Begriff dafür gab für die Auffälligkeiten Dass nicht alles.

00:07:14: fehlender Wille war Unvermögen Wie man mir immer wieder gesagt hat, also so durchsätze wie stell dich doch nicht an oder streng dich doch mehr an und wenn du nur wolltest dann könntest du doch.

00:07:25: Oder eben durch so banale Sätze wie Du bist so komisch was ich sogar nicht einordnen konnte Ich war wie ich war Und inwieweit ich anders war als andere mich hätten haben wollen das wusste ich ja nicht.

00:07:37: Ja das war eine große Erleichterung.

00:07:40: Im Nachhinein glaube ich auch für meine Eltern eine Erleichterung, weil sich auch Eltern natürlich dann viele Sorgen machen, Fragen stellen.

00:07:47: Habe ich irgendwas falsch gemacht bei der Erziehung?

00:07:50: Hätte ich irgendetwas anders machen können, habe ich irgendwas übersehen?

00:07:53: Ich weiß heute wenn ich diese Therapien nicht gehabt hätte, diese lange kontinuierliche therapeutische Begleitung, dann hätte ich niemals in meinem Beruf arbeiten können.

00:08:03: also das wäre gar nicht gegangen.

00:08:05: In Christine Preismanns Fall haben die Diagnose und alles, was danach dann kam wirklich den ganzen weiteren Lebensweg entscheidend mit beeinflusst.

00:08:13: Es war also wirklich bedeutend für sie.

00:08:15: Das ist jetzt knapp zwanzig Jahre her das bei Christine Preismann Autismus diagnostiziert wurde.

00:08:22: Das war eine Zeit in der man Autismus bei Erwachsenen noch viel weniger auf dem Schirm hatte.

00:08:27: Es waren auch gar nicht ihre eigene Idee dass die Probleme die sie damals hatte mit Autismus zu tun haben könnten.

00:08:32: Das war damals so in der Endphase meines Medizinstudiums, als ich immer depressiver geworden bin.

00:08:38: Weil ich gemerkt habe, dass die anderen die Kommilitonen alle in Gruppen zusammen waren und ich immer abseits war.

00:08:46: Dass die meisten Freunde hatten, manche auch ein Partner einige wenige schon Kinder und ich eben nichts von alledem hatte.

00:08:54: Und erstmals darunter gelitten hab, dass ich eben so allein war.

00:08:58: Ich habe damals eine heftige Depression entwickelt und hab glücklicherweise den Ratschlag meines Arztes angenommen.

00:09:07: Und hab mir eine Psychotherapeutin gesucht, ja ich hatte das große Glück dass ich an einer Psychotherapeuten geraten bin die gerade mit ihrer Praxis begonnen hat so dass sie einerseits Termine hatte und andererseits aber eben auch sich ein bisschen mit dem Thema Autismus auskannte weil sie ne Freundin hatte die als Heilpädagogin auf dem Gebiet tätig war.

00:09:27: Das war insgesamt ein großer Glücksfall für mich gewesen.

00:09:31: Ich bin noch heute sehr dankbar, arbeite heute nach dreißig Jahren auch noch mit ihr zusammen.

00:09:35: Auch das ist ein großer Glücksfall für den ich sehr dankba bin.

00:09:39: Aber es ist mir doch ein Anliegen irgendwie mitzuhelfen dass die richtige Versorgung und Diagnostik Therapie autestischer Menschen nicht immer nur Glücks fall sein muss.

00:09:49: Auch unsere anderen Protagonistinnen haben uns erzählt, was für eine Bedeutung die Diagnose für sie hatte und welche Gefühle sie ausgelöst hat.

00:09:57: Erleichterungen, Dankbarkeit, Akzeptanz ... Larissa Cridt und Jan Luca Delbach, die beide mit ADHS diagnostiziert worden sind, sagen zum Beispiel...

00:10:07: Ich konnte einfach manche Dinge besser akzeptieren!

00:10:11: Auch mal sagen, ich bin halt ich anstatt zu sagen, warum funktioniert das nicht?

00:10:17: Also hier Schlüssel verlieren Es ärgert einen manchmal immer noch, aber meistens denke ich mir jetzt so ... Ja.

00:10:23: Tauchst schon wieder auf irgendwann ansonsten machen wir halt neu hin.

00:10:27: also ich versuche mich über Dinge einfach nicht mehr zu ärgern die mich vorher extrem belastet haben und ich glaube das hat mich schon einige graue Haare erspart jetzt dass sich da einfach entspannter ran gehe.

00:10:42: Am Anfang war es eher so ein alles klar Ich hab's mir ja gedacht Und dementsprechend ist es jetzt auch nicht so überraschend.

00:10:52: Dann irgendwann habe ich dann aber auch gecheckt, okay, das ist eine Erklärung für viele Dinge die in meinem Leben passiert sind und immer noch passieren.

00:11:01: Dann habe ich auch ehrlich gesagt ein bisschen Dankbarkeit gespürt dafür weil ich hab dann nicht dieses Gefühl gehabt was man sonst vielleicht immer gespiegelt bekommt dass man irgendwie anders ist als anderen Menschen oder irgendwie Dinge nicht so gut hinbekommt wie andere Menschen sondern dass es eine erklärbare, auch biologisch-erklärbare Sache ist.

00:11:23: Für dich nichts kann und mit der ich jetzt arbeiten kann aber

00:11:25: auch.".

00:11:26: Wir haben über diese entlastende Funktion von Diagnosen auch mit Ludger Theberz van Elst gesprochen.

00:11:32: Er forscht als Professor für Psychiatrie um Psychotherapie an der Uniklinik Freiburg und arbeitet dort auch als Leitender Oberarzt.

00:11:40: Am Grunde wollen alle das Gleiche!

00:11:41: Die wollen Akzeptanz Die wollen selbst akzeptieren, wie alle sie und ich sind.

00:11:47: Das ist ja menschlich!

00:11:49: Sie wollen, dass ihr strukturelles Schicksal nicht als Vorwurf gemacht wird... ...das ist die große Erleichterung, die die autistischen Menschen dann auch haben wenn die Diagnose mal gestellt wird.

00:12:00: das was struktures schicksales war vorher selbst vorwürfen oder von

00:12:04: anderen

00:12:06: kann man manchmal gar nicht richtig

00:12:07: trennen.

00:12:08: Und da liegt die große Erleichterung drin, dass aus den Struktureigenschaften, die vorwürftig verarbeitet wurden von einem selber oder vom sozialem Umfeld.

00:12:18: Da wird plötzlich eine Schicksalsdiagnose draufs und das ist dann Akzeptanz für die Betroffenen, für die Eltern

00:12:24: genauso.".

00:12:25: Es gibt einen Begriff der bei Ludger Thebers van Elst immer wieder vorkommt man hat es eben schon gehört Die Struktur.

00:12:32: Damit meinte er in diesem Zusammenhang sowas wie eine Persönlichkeitsstruktur, beziehungsweise das was der Persönlichkeit zugrunde liegt und der eigenen Art und Weise zu denken und wahrzunehmen.

00:12:42: Und das ist wirklich ein spannender Punkt!

00:12:43: Er sagt Autismus & ADHS?

00:12:46: Das sind nicht unbedingt Diagnosen im Sinne von Störungen sondern einfach ne Art zu sein.

00:12:51: Da schreibt er auch in seinem Buch Autismus, ADHS und Ticks zwischen Normvariante, Persönlichesstörung und neuropsychiatrischer Krankheit Und er hat uns das am Beispiel Körpergröße noch mal genauer erklärt.

00:13:04: Der Autismus an sich, den würde ich persönlich zunächst einmal unter Ausklammerung der Frage, ob das eine Krankheit ist oder nicht nur als Phenotyp beschreiben?

00:13:15: Mein klassisches Beispiel ist die Körpergrösse.

00:13:18: Das ist auch ein Phenotype.

00:13:19: Sie können groß oder sie können klein sein.

00:13:22: Sie könnten extrem groß sein und das ist Ausdruck einer Krankheit.

00:13:25: Sie kann einen Mafansyndrom haben, eine genetische Erkrankung.

00:13:29: Die werden fast alle über zwei Meter.

00:13:32: Sie können eine erworbene Krankheit haben, die Akromegalie.

00:13:36: Dann haben sie einen Wachstumshormon produzierenden Tumor.

00:13:38: Die werden auch fast alle noch mal deutlich größer und sie können aber auch einfach multigenetisch sehr groß sein.

00:13:45: Gucken Sie sich mal die Basketballmannschaft an!

00:13:48: Die sind ja alle über zweimeter fünf bis zweimiter zehn.

00:13:51: Ich glaube, der hat nur Witze, ist zwar dreizehn oder zweisächzehn.

00:13:54: Die haben ja keine Krankheit, die sind ja einfach nur groß.

00:13:58: Die Strukturdiagnose, zwei Meter groß sein ist valide.

00:14:02: Kann eine Krankheit sein, muss es aber nicht und man kann einen Leidensdruck entwickeln dann wäre es nach den psychiatrischen Kriterien eine Störung.

00:14:12: also wenn man darunter sehr leidet und wenn man sich krumm gebückt läuft weil man kleiner scheinen möchte als man in Wirklichkeit ist aus Angst davor als langer Lula hat schon auch was immer Bohnenstange geärgert zu werden dann entwickelt sich aus der Strukturdiagnose im Grunde eine Störung.

00:14:31: Aber die Strukturdiagnose an sich, der Phenotyp, das ist erst mal nur ein Pheno-Typ.

00:14:37: Ja mit dem Phenotype meint Ludger Thebers von Els so was wie das Erscheinungsbild also wie etwas aussieht und sich präsentiert.

00:14:44: Und ich muss sagen, ich finde diesen Angang ziemlich einleuchtend und es passt auch gut zu dieser ganzen neue Diversitäts- und Neurodivergenzbewegung.

00:14:52: Die ja auch sagt wir funktionieren im Kopf alle unterschiedlich.

00:14:55: das gehört zum Menschsein dazu und ist nicht unbedingt eine Störung.

00:14:59: Ich muss schon sagen, Neurodivergenz ist für mich aktuell trotzdem eher noch so ein gesellschaftlicher Begriff und weniger ein medizinischer vielleicht.

00:15:07: Also wie du sagst das beschreibt ja die Idee des Menschen neurologisch unterschiedlich sind und dass nicht jede Abweichung von der Norm automatisch eine Krankheit sein muss und es finde ich total einleuchtend und einen ganz wichtigen Gedanken.

00:15:19: wenn ich darüber nachdenke bin ich mir eigentlich sicher dass unsere Gehirne alle unterschiedlich.

00:15:24: Gleichzeitig ist der Begriff relativ offen und auch noch unschaftdefiniert, also er wird von vielen verschiedenen Menschen auch für unterschiedliche Dinge verwendet.

00:15:32: Und das macht ihn jetzt halt für das Arbeiten in der Klinik oder auch an der Wissenschaft aktuell letztlich unbrauchbar?

00:15:38: Ja, das verstehe ich!

00:15:39: Für die Sphäre der Klingek, dass es irgendwie nicht so sinnvoll ist damit zu hantieren, nur hast du ja schon viel darüber gesprochen wie ihr euch sicher darüber sein müsst, dass ihr mit den Begriffen die ihr nutzt in der klinik dasselbe meint

00:15:51: Und ich könnte mir vorstellen, dass sich das auch noch mal ändert.

00:15:54: Also vielleicht wenn wir in ein paar Jahren nochmal über das Thema sprechen, dass dann der Begriff neurodiverse, neurodivergenz auch in der Fachwelt noch einmal mehr an Präsenz gewonnen hat?

00:16:05: Dass wir etwas besser schon verstehen.

00:16:06: was genau gehört da dazu...

00:16:08: Ja das heißt sind einfach schärfer definiert gehabt zu haben.

00:16:13: Vielleicht geht es auch nicht allen Kliniken so.

00:16:15: aber ich merke, dass für mich ein Begriff ist den ich noch nicht so im fachlichen Alltag Verwende.

00:16:22: Und für den alltäglichen Gebrauch finde ich dem Begriff aber irgendwie auch hilfreich, also vor allem wenn ich nicht immer gleich von der Störung sprechen möchte sondern erst mal nur von einer vielleicht nicht normkonformen Art und Weise wahrzunehmen und zu denken.

00:16:37: damit beschreibe ich dann also erstmal nur die Struktur um das in den Worten von Ludger Theberts von Els zu sagen.

00:16:43: Aber ja im klassischen klinischen wissenschaftlichen Gebrauchs ist es zu schwammig, das finde ich sehr einleuchtend.

00:16:50: Da muss es halt klare Einteilungen und Abgrenzung geben.

00:16:53: Deshalb ist es ja auch so kritisch wenn man um mehr über die eigene Struktur zu erfahren auf klassische Diagnosen zurückreift weil das einfach meistens mit Pathologisierung einhergeht.

00:17:03: Also eine adäquate Erkenntnis der Strukturen der Menschen ist schon wichtig aber man muss sie nicht immer als krankhafte Struktur erkennen.

00:17:10: Wenn sich Strukture dann immer Per se, krankhaft nennen ist das weder für den Einzelnen noch für die Gesellschaft gut.

00:17:18: Das kann auch dazu führen, dass sich die Gesellschaft als Ganzes debilitiert.

00:17:23: Sie kann sich nur noch akzeptieren, wenn sie sich als krankhaft begreift und das ist für eine Gesellschaft nicht

00:17:30: gut.".

00:17:30: Jetzt ist unser System ja schon so, glaube ich, dass eine Diagnose immer mit Krankheit oder Störung in Verbindung steht?

00:17:38: Also nicht unbedingt.

00:17:39: Die meisten psychiatrischen Diagnosen beschreiben tatsächlich schon Erkrankungen oder Störungen im herkömmlichen Sinne, aber in unserem Diagnosemanual dem ICD gibt es auch Kategorien die Nicht-Krankheiten im eigentlichen Sinne kodieren.

00:17:56: Dazu gehören zum Beispiel die sogenannten Z-Diagnosen.

00:17:59: Damit können auch etwa belastende Lebensumstände, Beziehungsprobleme, Konflikte am Arbeitsplatz oder andere Faktoren dokumentiert werden, die für die psychische Gesundheit relevant sind ohne dass es dann selbst eine psychische Störung ist.

00:18:12: und zu den Z Diagnosen gehören zB auch andere Sachen, die wir alle aus dem Alltag kennen also zB Vorsorgertermine im Rahmen der Schwangerschaft.

00:18:23: Das sind alles Dinge, die auch eine Diagnose erhalten.

00:18:26: Die aber ja nicht mit Pathologie oder Störung im engeren Sinne zu tun haben.

00:18:31: Okay

00:18:32: und wenn wir jetzt mal davon ausgehen... Ich suche nach einer Diagnosis um meine Struktur mein Sohsein zu bestätigen und nicht nur ne vorübergehende Stimmung aufgrund von Lebensumständen dann bleibt mir ja nicht wirklich was anderes übrig, als mir auch diesen Stempel der Störung verpassen zu lassen.

00:18:49: Und das finde ich schon einlöchend, dass es kritisch ist für die einzelne Person oder auch für die Gesellschaft wenn jede Abweichung von der Norm- oder vom Durchschnitt als krank bezeichnet wird.

00:18:59: Das ist ja genau diese Stigmatisierung gegen die die Antipsychiatriebewegungen ungefähr ab den Siebzigerjahren unter anderem angekämpft hat.

00:19:07: Und ein Beispiel, das ein bisschen hing zugegebenermaßen aber trotzdem vielleicht hilft ist das Thema Queerness.

00:19:14: Homosexualität und Transidentität waren ja teilweise richtig lange Diagnosen und wurden damit als krankstigmatisiert.

00:19:22: Bei der Trans Identität ist es wirklich erst eine ganz junge Entwicklung dass die bei der Weltgesundheitsorganisation WHO nicht mehr als psychische Störung gelt Und das leuchtet ja auch fast allen ein, glaube ich.

00:19:32: Außer vielleicht ärzkonservativen, reaktionären und rechtsextremen, dass lesbisch sein oder transsein keine Störungen sind sondern einfach atem zu sein so wie wir es eben bei der Struktur von Ludgar Thebers van Elst schon hatten.

00:19:46: Und obwohl du sagst, dass der Vergleich hinkt finde ich ist ein gutes Beispiel auch dafür wie sehr unser Verständnis von psychischer Erkrankung und Normalität im Fluss ist.

00:20:00: Unpassend sind an der einen oder anderen Stelle.

00:20:02: Ja, und ich glaube dieses Ding mit der Stigmatisierung durch Diagnosen das ist ja auch ein Grund warum manche Menschen diesen halb unbestimmte Diagnose zu kritisch sehen weil sie eben denken Warum will sich jetzt jemand freiwillig abstempeln lassen um das mal überspitzt zu sagen?

00:20:19: Naja, ich denke einer von vielen Gründen ist sicherlich weil sie eben Zugang zum Hilfesystem brauchen.

00:20:24: Ja und diesen Zugang zu dem Hilfsystem den brauchen auch Transpersonen manchmal nämlich wenn Sie geschlechtsangleichende Maßnahmen wie eine Hormontherapie und OPs machen möchten und die von der Krankenkasse bezahlt werden sollen.

00:20:36: Und dafür gibt es ja auch weiterhin eine Diagnose, die sich aber nicht mehr auf die Geschlechtsidentität an sich bezieht sondern auf Probleme, die daraus entstehen können das einem bei der Geburt ein anderes Geschlecht zugewiesen wurde und daraus dass man sich nicht mit dem eigenen Körper identifizieren kann.

00:20:51: Und diese Diagnose heißt dann Geschlechtsdysforie.

00:20:53: Aber man gilt eben nicht mehr als krank, nur weil man trans ist sondern erst wenn daraus ein Leidensdruck und auch daraus dann einen entsprechenden Handlungsbedarf entsteht.

00:21:01: Ja wie schon gesagt der Vergleich ist nicht eins zu eins übertragbar.

00:21:05: aber wenn wir uns auch andere Strukturdiagnosen im Sinne von Ludger Tebas van Elst anschauen Dann gilt ja eigentlich in anderen Fällen die Diagnosis im strengen Sinne.

00:21:15: Die gibt es erst wenn aus der Struktur auch Probleme entstehen.

00:21:19: Für Christine Preismann, die Psychotherapeutin mit Autismusschwerpunkt heißt das in der Praxis.

00:21:25: Keiner meiner Patienten bekommt diese Diagnose, wenn er nicht einen Leidensdruck

00:21:29: hat.

00:21:29: Autismus schließt eine Form von Leidendruck und Schwierigkeit mit ein.

00:21:35: ohne Schwierigkeiten kein Autismus.

00:21:37: Das ist so meine Maßgabe.

00:21:40: Wenn jemand einfach mit der Symptomatik kommt, aber problemlos im Leben zurechtkommt, geht er bei mir nicht mit einer Autismodiagnose raus.

00:21:48: Dann muss man im Umkehrschluss natürlich sagen ... aus auch unrecht.

00:21:56: Und sind Menschen, die zu ihnen zur Diagnostik kommen und die Diagnose nicht erhalten?

00:22:01: Eigentlich auch manchmal enttäuscht weil es dann so ein Identifikationsprozess schon gab.

00:22:05: Aber klar das ist was Häufiges ja dass man dann die menschen auch enttäuschen muss.

00:22:10: leider und das tut mir auch leid das machen wir auch nicht gerne Und deswegen ist es auch schade, wenn wir dafür beschimpft werden.

00:22:18: Ich wahrscheinlich noch nicht so stark wie andere.

00:22:20: Ich kenne Kollegen die dann wirklich auch körperliche Angriffe erlitten haben weil eine Diagnose nicht gestellt

00:22:26: wurde.".

00:22:27: Das ist natürlich ein Extremfall aber wir haben sowas von all unseren SprechspartnerInnen gehört dass es immer öfter große Enttäuschungen gibt wenn Menschen die Diagnosautismus-Spektrumstörung oder auch ADHS nicht bekommen.

00:22:40: und das sind auch gar nicht so wenige.

00:22:42: Das Problem ist die Leute, die zu uns in die Sprechstunde kommen.

00:22:45: Die warten ja teilweise ein, zwei Jahre darauf auf die

00:22:48: Termine.".

00:22:49: Das ist noch mal Ludger Theberts van Elst von der Uniklinik Freiburg.

00:22:52: In der Zeit haben sie sich lange mit der Diagnose identifiziert und haben im Grunde diese Diagnos zum Teil ihre Selbstkonzepte gemacht.

00:23:01: Und das nehmen wir denen dann weg!

00:23:04: Dass das schmerzhaft ist und ärgerlich

00:23:07: ...

00:23:07: Und manchmal, die zum Verzweifeln bringt.

00:23:10: Das kann man irgendwie nachvollziehen.

00:23:13: Aber das hat natürlich auch was damit zu tun, dass diese Identifizierungsprozesse schon lange stattgefunden haben bevor die Leute da in die Sprechstunde

00:23:22: kommen.".

00:23:23: In der Sprechtunde von Ludger Theberts van Elst und seinem Team an der Uniklinik Freiburg bekommen ungefähr die Hälfte der Menschen keine Diagnose!

00:23:32: Und etwas weiter nördlich in der Uniklinik Heidelberg, da geht sogar die Mehrheit der Menschen ohne Diagnose wieder nach Hause.

00:23:38: Nämlich sechzig bis achtzig Prozent!

00:23:40: Das hat uns Inge Kambäcker erzählt.

00:23:42: Die ist dort Psychologin und Professorin.

00:23:45: sie forscht zu Autismus und arbeitet in der Klinik seit vielen Jahren mit Autistinnen in allen Altersgruppen.

00:23:50: auch Sie beobachtet dass eine Identifizierung mit der Autismusdiagnose immer öfter passiert obwohl die Diagnosis noch nicht gesichert ist und sie sieht das eher kritisch.

00:23:59: Was mir wichtig ist, dass ich das Leid dieser Menschen, die diese Diagnose wollen.

00:24:06: Ja?

00:24:06: Die sich selbst geben!

00:24:09: Dass ich denen nicht abspreche, dass da ein Leiter hinter ist und dass da Not hinter ist.

00:24:14: Und dass sie behandelungsbedürftig sind.

00:24:16: Darum geht es mir in keiner Weise.

00:24:18: Dass ich irgendjemanden einen Leit absprechen will Das ist nicht das Thema.

00:24:23: Da möchte ich nicht missverstanden

00:24:25: werden.".

00:24:25: Ich glaube nur,

00:24:27: dass

00:24:27: ein Label

00:24:29: da ...

00:24:29: Also eine Diagnose ist kein therapeutischer

00:24:32: Akt?

00:24:33: Sondern eine Diagnose sollte präzise und valide sein!

00:24:37: Ja, das würde ich mir natürlich auch wünschen, wenn ich eine Diageose bekomme oder auch nicht bekomme, dass sie halt richtig ist.

00:24:43: Bei allen erleichternenden Wirkungen die eine Diagenose haben kann, es ist ja nicht das primäre Ziel, dass ich erleichtert bin sondern dass sie korrekt ist Nämlich mal an.

00:24:52: Und das ist vielleicht auch der größte Unterschied zwischen Diagnose und Identität, die eine kann richtig oder falsch sein?

00:24:58: Die andere eigentlich nicht!

00:25:00: Eine Diagnase ist ein Label für eine Störung, für bestimmten Musterandefiziten,

00:25:07: für

00:25:08: einen bestimmten Entwicklungsverlauf

00:25:11: usw.,

00:25:13: aber eine Identität ist eine soziale Zuschreibung.

00:25:17: So, und

00:25:18: in diesem Neurodiversitäts- oder Neuro-Divergenzansatz wird das eine mit dem anderen gleichgesetzt.

00:25:25: Und

00:25:26: bei einer Diagnose – das weiß man in der Medizin – eine Diagnosik kann immer richtig positiv

00:25:32: aber

00:25:32: auch falsch positiv, richtig negativ oder falsch negativ sein.

00:25:37: So!

00:25:37: Eine Identität kann niemals falsch positiv oder falsch negativ sein, weil das ist eine sehr individuelle soziale Zuschreibung.

00:25:48: Vielleicht erkläre ich das noch mal ganz kurz?

00:25:50: Also vereinfacht gesagt bedeutet falsch positiv jemand bekommt eine Diagnose die eigentlich nicht zutrifft und falsch negativ bedeutet jemand hat die Erkrankungen aber sie wird übersehen also die Diagnosis wird nicht gestellt.

00:26:02: Eine gute Diagnostik versucht natürlich hier die Balance zu finden und beide Fehler möglichst zu vermeiden.

00:26:08: In manchen Bereichen in der Medizin, da beschäftigen wir uns sehr intensiv mit falsch-positiven und negativen Befunden.

00:26:14: Und kennen auch die Häufigkeiten ziemlich genau.

00:26:16: Also beim HIV Test zum Beispiel ist das ganz entscheidend.

00:26:20: Deshalb werden positive Ergebnisse eigentlich immer noch durch weitere Tests bestätigt weil man sicher sein will dass die Quote der falsch positiven Befundung möglichst gering ist.

00:26:29: In der Psychiatrie ist es ein bisschen schwieriger zu etablieren denn es gibt häufig keinen einzelnen Test mit einer bekannten Fehlerquote.

00:26:36: Sondern die Diagnose entsteht eben aus der Zusammenschau vieler Informationen.

00:26:40: Das ist nicht ganz so klar, umrissen wie bei vielen körperlichen Dingen sag ich jetzt mal.

00:26:45: Ja aber entscheidend ist, bei einer Diagnese kann es sein dass sie gegeben wurde, aber eigentlich nicht vorliegt.

00:26:52: Bei Identitäten eigentlich nicht.

00:26:54: und das ist halt dieser schwierige Grenzbereich zwischen Diagnose und Identität den Ingekernbecker beschreibt.

00:27:00: Wir haben ja auch unsere Interviewpartnerinnen mit ADHS oder mit Autismus gefragt, welche Rolle ihre Diagnose für ihr Selbstverständnis spielt.

00:27:09: Da hat sich gezeigt die Diagnosis lässt sich tatsächlich nicht so leicht aus der eigenen Identität rausrechnen.

00:27:16: Ich glaube das viel Fokus einfach mittlerweile auf dieser Sache ist weil ich jeden Tag damit irgendwie zu kämpfen habe und dementsprechend auch jeden Tag dass ein Thema ist Dementsprechend ist das schon ein Teil von mir.

00:27:30: Und das heißt im Umkehrschluss, dass ich schon glaube... Das ist ein großer Teil meiner Identität irgendwie auch mit ADHS verknüpftes Jahr.

00:27:37: also Ich identifiziere mich nicht damit insofern dass ich jetzt sage ja hier ich bin so der Neurodivergent und so ich würde das glaube ich wenn dies könnte auch ablegen wollen aber da das halt immer Thema ist es ist halt part von mir.

00:27:49: Für Jan Luka ist das mit der Identität also eher eine unfreiwillige Sache.

00:27:54: Er würde seine ADHS sogar abgeben, wenn er könnte.

00:27:58: und wenn man diesen halb um Diagnosen wie ADHS verfolgt dann kann man sich das vielleicht gar nicht mehr vorstellen dass jemand das so sagen würde.

00:28:03: und es zeigt aber eben adhs is kein accessoire sondern etwas was einen in der welt wie sie heute ist oft einschränkt.

00:28:12: Das sieht auch Larissa Crizzo, aber für sie ist ihre ADHS trotzdem nichts was sie weggeben würde.

00:28:18: Für Sie gehört das zu ihrer Biografie und ihrer Identität dazu.

00:28:22: Und ähnlich sieht es auch Christine Preismann mit ihrem Autismus.

00:28:25: Also ich würd nicht drauf verzichten.

00:28:28: Ich hätte nicht die Erfahrungen gesammelt, die ich dadurch sammeln konnte Ich wäre nicht so viel gereist, vielleicht nicht von einem auf den anderen Tag nach Berlin getrampt Hätte hier irgendwelche coolen Erfahrungen machen können.

00:28:41: Ja, es musste so passieren.

00:28:43: Hat mich dann schon geärgert, dass ich mit vierundzwanzig schwanger wurde und einen miserablen Schulabschluss hatte, keine Ausbildung ... Da war ich ein bisschen frustriert.

00:28:54: Aber im Endeffekt hab's nachgeholt.

00:28:57: Es ist gut gelaufen.

00:28:59: Ich bin ganz glücklich da, wo ich hingekommen bin.

00:29:02: Und das wär auch anders nicht passiert!

00:29:05: Also nee, das gehört zu mir.

00:29:07: Das muss so sein...

00:29:09: Mir selbst ist es zum Beispiel immer sehr leicht gefallen, Fakten auswendig zu lernen und das kam mir für meinen Medizinstudium natürlich sehr zugute.

00:29:16: Ich musste nicht viel lernen ich hatte da wenig Probleme.

00:29:20: Ohne den Autismus wäre mir das so vielleicht nicht gelungen und das fände ich sehr schade wenn ich in meinem Bereich nicht arbeiten könnte.

00:29:27: Auf der anderen Seite leide ich am meisten darunter, dass ich keine Freunde habe und dass ich so alleine bin.

00:29:34: Und wenn nicht das ändern könnte dann würde ich das tun ja.

00:29:37: Wenn es da irgendwie eine partielle Lösung gäbe die nur das beheben könnte sehr gerne.

00:29:43: Also ja Neurodivergenzen sind verwoben mit der eigenen Geschichte.

00:29:48: Es gibt jetzt nicht das selbst und noch dazu die ADHS oder den Autismus sondern das ist verschmolzen und bedingt sich auch gegenseitig.

00:29:56: Eine Diagnose ist für viele tatsächlich Teil der eigenen Identität.

00:30:01: Und trotzdem ist das auch etwas, dass Ingekamp Becker kritisiert an dieser Debatte.

00:30:05: Nämlich wenn halt die Diagnese vorschnell als Identität angenommen wird noch bevor die Diagnose aber professionell bestätigt wurde und auch ohne nochmal Raum zu lassen für andere Erklärungsmöglichkeiten.

00:30:17: Das macht eine Diagnostik dann schon auch heikel denn eine Identität kann einem natürlich niemand absprechen.

00:30:23: Aber für eine klassische Diagnostik, da ist eben streng genommen auch eine Fremdbeobachtung notwendig und das ist dann am Ende auch ne Fremdzuschreibung.

00:30:31: Und dafür muss ich dann dass was empfunden wird, auch was als Identität empfundet wird irgendwie nach außen übersetzen.

00:30:37: also das muss auch für andere und auch für den diagnostizierenden erkennbar sein.

00:30:42: Und wenn jemand der für sich selber diese Identität sozusagen auserkoren hat, weil er im Internet sich gelesen hat und weil er das Gefühl hat, diese Beschreibungen die da gemacht werden.

00:30:54: Diese Art der Andersartigkeit, die deckt sich mit meinem Inneren erleben ja?

00:31:01: Und sagt dann okay ich bin mit Sicherheit Autist oder Autistin Und geht dann zu einer spezialisierten Stelle, die sagt dann ja stimmt oder aber sagt

00:31:12: nein

00:31:12: das stimmt nicht.

00:31:14: Dann sehen wir eben diese extrem emotionalen Reaktionen

00:31:18: darauf

00:31:19: wenn eine Fachperson sagt

00:31:22: Nein

00:31:23: die Diagnose stimmt nicht weil hier eine Identifikationsprozess

00:31:28: stattgefunden

00:31:29: hat, der dann

00:31:31: über eben soziale Vergleiche sich mit etwas identifizieren dazu geführt hat.

00:31:38: Dass jemand sagt ja aber

00:31:40: ich bin das

00:31:41: doch!

00:31:42: Das finde ich

00:31:44: wirklich

00:31:44: schwierig

00:31:45: wenn die Diagnose mit einer Identität

00:31:48: gleichgesetzt

00:31:49: wird.

00:31:50: Wenn das eine Identität

00:31:52: ist, dann darf

00:31:53: man das eigentlich auch nicht behandeln.

00:31:55: Weil damit nehmen sie ja die Identität.

00:31:58: und da sagen die von stark betroffenen Menschen mit Autismus Das ist völlig schwer in unserer Realität.

00:32:05: was wir brauchen is ne Hilfe.

00:32:07: Ich vermute mal, dass es für viele Leute gar keine Option ist den eigenen Autismus unbehandelt zu lassen.

00:32:13: Beziehungsweise die Menschen, die das sagen haben vermutlich auch nicht so wirklich große Einschränkungen in ihrem Alltag und im Sozialleben.

00:32:21: Und ja warum dann noch die Diagnose von einer Spezialistin?

00:32:24: Dann reiche ich das vielleicht wirklich überspitzt gesagt wenn ich das als Identität mit mir selbst ausmache und nicht unbedingt das Gesundheitssystem strapaziere.

00:32:32: Aber selbst wenn wir jetzt sagen, eine Identität ist nicht gleich eine Diagnose.

00:32:36: Ist es ja auch nicht unwichtig was Menschen in sich drin wahrnehmen und erleben?

00:32:41: Wie ist das denn bei dir im Arbeitsalltag Merve?

00:32:44: Welche Rolle spielt Eigenwahrnehmung und das innere Erleben von Patienten bei der Diagnostik?

00:32:49: also in der Tat eine total große Rolle?

00:32:52: In der Psychiatrie haben wir oft keine Blutwerte oder Bildgebung, die uns dann direkt sagen könnten ob jemand eine Depression oder eine Angststörung oder eben auch ein ADAS hat.

00:33:01: Und deshalb ist für uns das innere Erleben von Patientinnen eigentlich die wichtigste Informationsquelle und gleichzeitig besteht Diagnostik nie nur daraus wie jemand sich selbst beschreibt.

00:33:10: also wir schauen auch an wie sich die Beschwerden im Alltag auswirken seit wann sie bestehen ob sie halt die diagnostischen Kriterien erfüllen, ob es andere Erklärungen gibt.

00:33:20: D.h.,

00:33:20: die Eigenwahrnehmung ist ein zentraler Teil der Diagnostik aber sie wird immer auch im Kontext von anderen Informationen eingeordnet und eben auch im Context von Fremdwahrnemung.

00:33:29: also wir befragen häufig das Umfeld die Eltern, die Partnerinnen wie ihre Einschätzung ist, ob sich etwas verändert hat oder eben nicht.

00:33:39: Das heißt natürlich ist es so, Patientinnen sind ExpertInnen für ihr eigenes Erleben.

00:33:43: Aber unsere diagnostische Aufgabe besteht dann schon darin dass wir das erleben mit den Patienten in einen gemeinsamen Einordnen und auch prüfen welche Erklärung jetzt am besten passt.

00:33:52: Ja man kann natürlich nicht reinschauen in die Köpfe von den Menschen Auch wenn das manchmal hilfreich wäre.

00:33:57: Deshalb gibt's bei der Diagnostik von zum Beispiel ADHS auch umfangreiche Verfahren Bei dem eben auch Dokumente und Menschen herangezogen werden die eine Außenperspektive geben können, wie du ja gerade schon beschrieben hast.

00:34:09: Ich hab auch schon mal so einen Fragbogen ausgefüllt für die Diagnostik einer anderen Person und auch mein Kollege Jan-Luka Delbach hat von seiner ADHS-Diagnostiker erzählt.

00:34:19: Ich musste Schulzeugnisse abgeben ich musste ein sehr langes Gespräch mit einem Therapeuten führen.

00:34:25: Ich glaube fünf Stunden ging das oder vier Stunden also.

00:34:27: es hat auch ein bisschen Spaß gemacht, sage ich ganz ehrlich weil wir dann so einmal meinen ganzen Leben so durchgelaufen sind in diesen vier Stunden.

00:34:34: Ich hab auch selbst so Fragebögen geschickt bekommen, die ich ausfüllen musste.

00:34:39: Das waren glaube ich bestimmt auch sechs, sieben Seiten und dann muss meine Eltern tatsächlich auch noch mal mit dem Therapeuten sprechen um quasi nochmal eine unabhängige Einschätzung zu bekommen.

00:34:50: Ah das

00:34:50: war nicht einfach nur ein Fragebogen den die zugeschickt

00:34:52: haben?

00:34:52: Haben die auch bekommen aber tatsächlich auch ein Telefonat.

00:34:55: es ging dann so ne Stunde war ich auch nicht in Beteiligt und sollte auch nicht wissen wann sie das machen, damit ich nicht irgendwelche Einflussnahme oder sowas starten kann.

00:35:06: Und dann kam irgendwann die Diagnose relativ tökig auch.

00:35:10: Ich kenne vielleicht noch mal Schildern wie dass in einer Autismusambulanz abläuft.

00:35:14: da ist es nämlich ähnlich umfangreich Und ich arbeite selber nicht in der Autismusambulanz, aber ich hab noch mal meine KollegInnen gefragt.

00:35:21: Wie da so die Struktur ist.

00:35:23: und auch die Autismusdiagnostik besteht in der Regel halt nicht aus einem einzelnen Gespräch sondern aus mehreren Terminen, die sich teilweise über Wochen erstrecken können.

00:35:31: Dazu gehören vor allem zwei ausführliche sogenannte diagnostische Interviews das es einerseits die Erhebung der Entwicklungs- und Lebensgeschichte und wenn möglich werden hier halt auch die Eltern oder Angehörigen befragt und dann gibt es ein etwa einstündiges Standardisiert ist letztendlich Verhaltensexperiment, bei dem beobachtet wird wie die Menschen kommunizieren.

00:35:51: Wie sie soziale Situationen gestalten oder auch bestimmte Aufgaben bearbeiten können und diese Untersuchungen werden häufig auch videobasiert durchgeführt.

00:35:59: das hat einfach den Hintergrund dass man es später nochmal auswerten kann oder auch im Team besprechen.

00:36:04: Es gibt also eigentlich in der Regel auch ein Vier-Augen-Prinzip dabei.

00:36:07: Ja sind denn alle psychiatrischen Diagnosen immer so aufwendig?

00:36:11: Nicht unbedingt, also der Umfang der Diagnostik hängt immer davon ab welche Frage gerade beantwortet werden soll.

00:36:16: Eine depressive Episode kann man häufig schon nach einem ausführlicheren klinischen Gespräch diagnostizieren.

00:36:22: Das bedeutet aber dann nicht dass die Diagnastik unbedingt abgeschlossen ist.

00:36:25: Also eigentlich gehören immer auch eine körperliche Untersuchung und eben Laborwerte dazu um zum Beispiel auszuschließen das die Beschwerden die jemand hat wie eben depressive Symptome zum Beispiel aufgrund einer körperlichen Erkrankung vorliegen.

00:36:38: Also auch eine Schilddrüsenunterfunktion kann so aussehen wie depressive Symptome?

00:36:43: Ja, da kann ich aus Erfahrung sprechen.

00:36:45: Ich habe nämlich ne Unterfunktion und depressive Verstimmung war eins meiner Hauptsymptome.

00:36:48: Es war ehrlich gesagt dann fast ein bisschen erleichtern dass es nur ne Schildrüsenerkrankungen ist.

00:36:53: Total nachvollziehbar!

00:36:55: Und bei Autismus-Spektrumstörungen und ADHS ist es eben auch vor allem ganz wichtig, dass man nicht nur nach aktuellen Beschwerden beurteilt.

00:37:02: Sondern das man schaut was für Muster gab's in der Kindheit schon und in welchen Lebensbereichen treten die Beschwerde jetzt im Moment auf?

00:37:09: Und deshalb sind diese Diagnostikverläufe auch besonders aufwendig.

00:37:14: Es ist kein Wunder, dass dann auch solange warten muss, dass ein Platz bekommt für eine ADHS oder Autismusdiagnostika.

00:37:21: Jetzt haben wir das Problem mit der Identität, diesem Inneren erleben und bei Diagnosen vor allem von der einen Seite betrachtet.

00:37:29: Nämlich eher aus der Perspektive dass man sich vorschnell mit den Diagnose identifiziert.

00:37:35: Ich glaube auch tatsächlich dass es ein Ding ist weil man einfach so umgeben ist von diesen Begriffen.

00:37:40: rund um ADHS oder auch um Autismus beobachtet man Phänomene an sich selbst und schreibt es dann einfach sehr schnell so eine Diagnose zu, auch wenn's streng genommen vielleicht gar nicht passt oder es einfach andere bessere Erklärungen gibt.

00:37:54: Es kann aber auch andersrum vorkommen dass Menschen bei der Diagnostik durchrutschen das obwohl sie so umfangreich ist.

00:38:02: Das Risiko ist natürlich höher beim Menschen bei denen sich die Symptome nicht auf eine ganz typische Art zeigen.

00:38:08: So ähnlich könnte das auch bei Dennis gelaufen sein.

00:38:12: Sie hat sich Anfang im Jahr- und Jahrzehnte auf ADHS testen lassen, um nur eine Verdachtdiagnose zu bekommen.

00:38:18: Der Verdacht kam daher, dass meine Grundschulzeugnisse unauffällig waren und ich ein zu unaufwendiges und vorbildliches Kind war

00:38:29: von der

00:38:30: ersten bis zur vierten Klasse.

00:38:32: Ja, und das obwohl sich Dennis ansonsten in den ADHS-Symptomen wiedergefunden hat.

00:38:37: Also besonders beim Thema Konzentrationsfähigkeit, Prokrastinieren usw.

00:38:42: Sie sagt sie wusste es als Kind schon ganz gut zu überspielen und das hatte auch Gründe.

00:38:48: Also ich hab sehr früh verstanden,

00:38:50: dass ich extrem gute Leistungen abregen muss und hab dann eben auch versucht nicht negativ aufzufallen.

00:38:59: Ich wurde auch ... obwohl

00:39:01: ich super

00:39:01: wach war und super

00:39:04: neugierig

00:39:04: und wissbegierig Und auch wirklich sehr sprachgewandt Trotzdem ein Jahr später einen geschult Und ich kann mich auch noch daran erinnern das dann

00:39:13: gesagt wurde

00:39:15: dass das war, weil ich sozial auffällig war und ich weiß auch noch wie sehr mich das verfolgt hat.

00:39:22: Das hat mich einfach nochmal auf einer anderen Ebene angegriffen, weil Ich dachte, das ist ... Weil ich rassifiziert

00:39:30: bin.".

00:39:31: Auf was für Herausforderungen gerade People of Color beim Thema Mental Health stoßen können?

00:39:37: Das hören wir uns in der nächsten Folge genauer an.

00:39:39: Da schauen wir auch noch mal generell auf die Fragen, welche Stellung das Thema psychische Gesundheit heute in unserer Gesellschaft hat und ob wir von Psychotherapien eigentlich genug bekommen

00:39:49: können.".

00:39:52: In Behandlung!

00:39:53: Mentale Gesundheit ADHS- und Autismus zwischen Sensibilisierung & Hype ist eine Podcastserie von Merve Fritsch und Noel O'Brien Koker gefördert von Erstiftung Charité mit einem Science Meets Media Tandem Redaktion, Noel O'Brien-Coker, Amelie Baerboth und Susanne Wündisch.

00:40:12: Producer Dennis Steinwachs Sounddesign Jaleka Eine Produktion von der Apparat Multimedia GmbH Berlin.

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